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Aktuelles:

Mutige Frauen der Reformation

 Ein Vortrag zur Bedeutung der Frauen im Reformationsgeschehen

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Theologisch-religionspädagogische Stichworte

 Neu: Beginn einer Serie mit Kurzartikeln zu wichtigen Stichworten für die religionspädagogische Theorie und Praxis in den Kitas   Neu im Mai:  'Gottesbilder' Neu im Juli:   'Gebet'    mit vielen Anregungen und Beispielen zu Gebeten in der Kita

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Erzählung des Monats Juni

Jeden Monat wird eine von mir verfasste biblische Nacherzählung  bzw. eine Erzählung zu wichtigen Gestalten bzw. Themen des christlichen Glaubens vorgestellt. Biblische Erzählungen finden Sie auch in der "Suchhilfe Bibelgeschichten"  

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Erzählungen zum Reformationsjahr

 In den Geschichten des Monats besonderer Akzent beim Reformationsgeschehen

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Suchhilfe Bibelgeschichten (Altes und Neues Testament)

70 Geschichten der Bibel für das eigene Erzählen erschlossen

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    Abschiedsvorlesung

Zur Bedeutung des Narrativen in einem erfahrungsbezogenen Religionsunterricht

Das Thema des Erzählens habe ich gewählt, weil es, wie ich aus mancherlei Rückmeldungen schließen kann, in meiner Lehrtätigkeit offensichtlich als eine gewisses Markenzeichen empfunden wurde. Und im Zeichen des Rückblicks auf diese Zeit passt es m.E. ganz gut, sich darüber zu verständigen, warum denn das Erzählen biblischer Geschichten in religionspädagogischen Zusammenhängen so wichtig ist.

 

Erfahrungen werden in Erzählungen aufbewahrt, bleiben in ihnen lebendig. Im Erzählen werden wichtige Erfahrungen, Lebenserfahrungen mit anderen geteilt. Das gilt ebenso für den Glauben. Glaube wird in erzählten Erfahrungen kommuniziert. Glaube lebt in Erzählungen. Glaubenserfahrungen suchen Erzählungen und umgekehrt regen solche Erzählungen zu neuen Erfahrungen an. Christentum ist deshalb wesentlich Erzählgemeinschaft des christlichen Glaubens.

Solche Thesen und Gedanken bestimmten die sog. narrative Theologie in den 70er und 80er Jahren. Christlicher Glaube hat eine Geschichte, und die lebt in Geschichten – in Geschichten mit großer identitätsstiftender Kraft für alle, die an der Erzählgemeinschaft der Christenheit teilhaben. Er lebt in den je einzelnen Biografien, in denen grundlegende Erfahrungen des Glaubens festgehalten werden. In solchen Erfahrungen geht es um das Ermutigen wie das Setzen von Grenzen, um Anleitungen zum genauen Hinsehen wie im weiten Blick phantasievoll ausgestalteter Visionen von Frieden und Gerechtigkeit.

 

Es ist ruhiger geworden um die narrative Theologie, aber an der Gültigkeit der damals entfalteten Einsichten hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: die Frage nach dem Erfahrungsbezug und der Leibhaftigkeit des Glaubens ist in einem noch umfassenderen Sinn zum aktuellen Thema geworden: nämlich zur Frage, wie in den verschiedenen Ausdrucksformen, den sprachlichen, bildhaften, körperlichen, Glaube erfahrbar und kommunizierbar wird. Religionspädagogisch gesehen spannt sich ein bunter Bogen vom Bibliodrama zum Bibliolog, zu Elementen der Theaterpädagogik zu Godly-Play und den grundlegenderen Ansätzen eines performativen Religionsunterrichts. Das bloße Erzählen scheint da ins Hintertreffen zu geraten, weil es wohl zu wenig mit dem Glanz des Neuen aufwarten kann. Umso mehr ist es aber gegenüber dem auch immer wieder hörbaren Vorwurf gefeit, in den neuen Ideen und Programmen gehe es doch zu oft lediglich um neue Schläuche für den alten Wein. Es muss nicht immer ein neues Etikett sein, das Aufmerksamkeit verspricht. Genauso wichtig ist es m.E., im Bekannten je neu die Chancen auszuloten, die in ihm stecken. Und das gilt besonders für das Erzählen.

 

Vor wenigen Jahren hat der Systematiker Klaas Huizing eine Ästhetische Theologie vorgelegt, deren erster Band dem Lesen und den Geschichten gewidmet ist. Darin gibt er dem Sprachgeschehen viel Beachtung, rückt es in seiner Eigenständigkeit in den Vordergrund. Erzählen als solches Sprachgeschehen, so folgere ich, kann sich aus sich heraus entfalten, kommt nicht nur in Verbindung mit visuellen Inszenierungen vom Bodenbild bis zur gestalteten Figurenlandschaft zur Wirkung. Der Autor geht dem nach, was geschieht, wenn sich Menschen in Geschichten verstricken, speziell im Umgang mit biblischer Überlieferung. Lukas, der Erzähler unter den Evangelisten, verwendet das griechische Wort ‚anagignoskein’ in seinem Doppelsinn von Lesen und Wiedererkennen. Im Lesen, und ich denke, das gilt analog auch für den Erzählvorgang, erkennt sich der Leser in den erzählten Personen wieder, erlebt in und mit ihnen, wie Gott begegnet, wie Glaube geschieht. Huizing fragt weiter, wie es schon dem Evangelisten Lukas gelingt, eine Atmosphäre zu erzeugen, die den Leser begeistert und inspiriert. Es geht ihm im Weiteren um eine sog. morphologische Hermeneutik, die untersucht, wie der Leser im Vollzug der Lektüre ein Kreaturgefühl erfährt, das ihn verstehen lässt, was es heißt, ein Mensch in dem erzählten Sinne zu sein, und was ihn dazu drängt, dieses Verständnis in seinem Leben zur Darstellung zu bringen, seinem Leben dadurch neue Gestalt zu geben. Das heißt damit: Im Vorgang der Begegnung mit dem biblischen Text wird leibhaftig erfahren, was Glaube ausmacht und bewirkt. Es ist ein leiblich-sinnliches Verstrickt-Werden mit anderen und anderem, das dem Leben neue Dimensionen eröffnet. Auf das ntl. Erzählen bezogen heißt das: so ist Jesus Christus gegenwärtig, so geschieht seine Inkarnation in die Welt. Lesen und Hören bekommt so einen geradezu sakramentalen Rang. Im Lesen und Erzählen geht es somit um nichts weniger als um die Gegenwart Gottes in dem, was sie bewirkt. Begegnung mit den biblischen Gestalten soll so jeweils zur Neugeburt im Glauben werden. Nicht um die gültigen Aussagen über Gott und den Glauben geht es, sondern um das menschenverändernde Geschehen, das in der Begegnung mit dem biblisch Überlieferten leibhaftig erfahrbar macht, was Glauben heißt, wie Glaube geschieht, was Glaube bewirkt. Praktische Theologie und Religionspädagogik haben dann das Ihre beizutragen

 

Neben diesen angedeuteten Rahmen einer ästhetischen Theologie unter dem Aspekt der Textbegegnung stelle ich nun eine konkrete Erfahrung aus meiner Berufs-, bzw. Fortbildungstätigkeit:  Zu ihr gehörte die Arbeit mit Mitarbeitenden in Tageseinrichtungen für Kinder, die in einem der neuen Bundesländer von kommunaler Trägerschaft in kirchliche Trägerschaft wechselten - eine besondere Herausforderung, denn das war ein Wechsel von einer absolut religionsfreien Zone in den Status hauptamtlicher Mitarbeit in einer Kirchengemeinde – und das höchst abrupt. Vor allen religionspädagogischen Einzelfragen stand ganz groß die eine im Raum: Was ist das eigentlich, christlicher Glaube? Neugier auf das kirchliche Neuland, verbunden mit allerhand Skepsis und Vorbehalten, konzentrierte sich immer wieder auf die Frage: Warum glauben Menschen, was geht da eigentlich bei ihnen vor sich? Wie macht man das? Was geschieht da mit ihnen, was bedeutet das für ihren Lebensvollzug? Was heißt es, zu etwas Unsichtbarem hin Kontakt aufzunehmen, es als eine Autorität für das eigene Leben anzuerkennen? Was verändert sich da im Leben? Ist das hilfreich, förderlich, auch nachahmenswert?

Im Hinterkopf hatte ich, theologisch gesehen, Überlegungen zur Sinnfindung und Lebensorientierung, die über menschliche Verbundenheit und auch Abhängigkeit hinausweist und diese somit relativiert; psychologisch im Sinne von James Fowler die Beschreibung eines Lebensglaubens als Suchbewegung, die zum menschlichen Leben dazugehört und aus der sich auch Bezüge zum christlichen Glauben ergeben; oder soziologisch das einer letztgültigen Autorität, die in einem gegebenen sozialen Rahmen die Freiheit und Gerechtigkeit verbürgt und damit auch einfordert. Solche Gedankengänge fanden Interesse, regten zu Diskussionen an, landeten aber auch immer wieder bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit oder Beweiskraft des als Gottesbeziehung Umschriebenen.

 

Anders ging es mit dem Erzählen biblischer Geschichten: Gespannte Aufmerksamkeit bei den Angeboten und Einladungen, sich durch das biblische Nach- und Weitererzählen in die Geschichten verstricken zu lassen: mit Geschichten, voll aus dem Leben gegriffen, in denen sich die Zuhörenden selbst gut wiederfinden konnten, genauso wie vermutlich auch die Kinder, um die es ja in religionspädagogischer Sicht ging. So ging es etwa um Situationen einer schwierigen Entscheidung, von Hilflosigkeit, einer besonderen Herausforderung usw. Da geschieht dann in solchen Geschichten die Wendung hin zu einer klärenden Einsicht, zu einem Entschluss, der plötzlich da ist, zu einer heilsamen Begegnung, zu Ermutigung und Stärkung, zu einem rettenden Ereignis. Und die Person kann deutend zu dem Erlebten sagen: Das kommt von Gott her, da ist Gott begegnet. Dem im Argumentieren nicht Beweisbaren steht so die Überzeugungskraft des Erzählten gegenüber: die Echtheit der in der eigenen Wirklichkeit wiedererkennbaren Situation, die Glaubwürdigkeit, in der die Person in der Geschichte das Ereignis als ein Geschehen von Gott her erfährt und deutet, damit die Möglichkeit für die Zuhörenden, sich selbst zustimmend oder auch ablehnend dazu zu verhalten – oder nachdenklich dem nachsinnend, was da wohl geschehen sein mag. Als Erstbegegnungen mit christlichem Glauben konnten Geschichten so viel aufschließen an Interesse, Neugierde, Beteiligung, Betroffensein samt all den sich daraus ergebenden Fragen im Wechsel zur kritischen Distanz.

 

In letzter Zeit hat Bischof Huber einen Katalog der 10 wichtigsten Geschichten der Bibel gefordert, die jeder kennen sollte, die entsprechend zu vermitteln seien. Mir erschien das zunächst reichlich oberflächlich im Sinne eines bloßen Traditionswissens gedacht. Allerdings könnte ich mich gerne mit einer weiterführenden Idee anfreunden: Es lassen sich ja in solchem beschriebenen Sich-Verstricken in Geschichten typische, lebensnahe elementare Grundfiguren von Glauben sichtbar machen. Es müssten dann aber ausgewählte exemplarische Geschichten der Bibel sein, sorgfältig auf die jeweiligen Lebensumstände der Zuhörenden abgestimmt: Geschichten, in denen sich Menschen auf ihrem Weg zu Selbständigkeit und Freiheit hinein nicht alleingelassen wissen; Geschichten, in denen sich in ausweglos Erscheinendem eine neue Perspektive eröffnet; Geschichten, in denen Menschen ihre Verantwortung sehen und annehmen, sich beauftragt und darin zugleich begleitet wissen. Um solche zentralen und elementaren Zugänge zu dem, was Glauben ist, geht es, nicht um bloßes Bibelwissen. Das didaktische Verständnis des Elementaren und des Elementarisierens wird da zum weiterführenden Wegweiser, geleitet von dem, was es heißt, sich in erzählten Lebenssituationen wiederzufinden und sich so in den Fort- und Ausgang des erzählten Geschehens hineinzubegeben. Der Bibeldidaktiker Horst-Klaus Berg hat in diesem Sinne schon vor Jahren vorn sog. Grundbescheiden des Glaubens gesprochen, Erfahrungen der Rettung, der Begleitung, des Segens, der Mahnung usw.

 

Und dann soll, darf und wird mit solcher Ausrichtung die Lust am Erzählen und Zuhören ihre Kreise ziehen, etwa wenn die Königin Esther ihre Rolle als Königin einnimmt und dabei zugleich aus nächster Nähe die Wucht des fürchterlichen Konflikts miterlebt, der ihr Volk bedroht. Das ist das eine, das zum Eintauchen und Sich-Wiederfinden einlädt. Das andere ist, wie sich die Königin mit Klugheit und Charme zu einem Handeln durchringt, das sie als Gottes Auftrag versteht und das sich auch so erzählen lässt: nämlich wie sie mutig inmitten von Ängstlichkeit und auch Hilflosigkeit hellwach und geistesgegenwärtig im Hin und Her der Konstellationen am persischen Hof agiert und ihre Aufgabe erkennt, im Auftrag Gottes zu handeln. Was heißt für sie Glauben? Wie lebt sie ihn in ihrer konkreten Herausforderung? Das soll der rote Faden des Elementarisierens im Erzählen sein: Für mich zeigt er sich z.B. wie sie den Mut fasst, gegen das Verbot den König aufzusuchen und sich von Gott aufgerufen weiß, das jetzt zu tun. Auch dass sie sich auf das beschränkt, was in ihrer Macht steht, nämlich dem König nahe zu sein, und klug nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, auf ihn Einfluss zu nehmen, mit dem Ziel, dass er aus eigener Überzeugung das Dekret zur Verfolgung der Judenschaft zurücknimmt. Glauben heißt dann auch, dass sie das, was sie nicht mehr tun kann, Gott überlässt – und dann überrascht wird von der vom König selbst gewonnenen Einsicht, und das als Wirken Gottes versteht.

 

Nicht nur um farbiges Ausschmücken geht es beim Nacherzählen, sondern um solches Elementarisieren dessen, was Glauben heißt, um Antworten auf die Frage: „Wie glaubt man? Was geschieht da? Warum glauben Menschen? Was erschließt sich da an neuen Sichtweisen? Übrigens: Je mehr sich im Entstehungsprozess der atl. Überlieferungen erzählerische Sprache entfaltet, um so mehr leuchten die theologischen Bezüge nicht als Glaubenssätze, als unmittelbares Wirken Gottes, sondern inmitten der menschlichen Handlungskonstellationen auf, verschwinden zuweilen fast in ihnen, um dann aber in begleitenden Deutungen sichtbar zu werden, auf die es dann beim Erzählen in didaktischer Sicht ganz besonders ankommt: So heißt es etwa in der Josefsgeschichte an ihrem Ende: Die Menschen gedachten es böse zu machen, aber Gott gedacht es gut zu machen. Lässt sich erzählen, wie Josef zu dieser Einsicht kommt, was sie für ihn bedeutet, was sie in ihm bewirkt? Fast umgekehrt ist es in den frühen atl. Geschichten, etwa wenn es heißt: „Und Gott sprach zu Abraham – und Abraham glaubte“. Ich stelle mir jemand vor, der Abraham befragt: Wie geschieht das, dass du Gott hörst? Wie geht das überhaupt, Gott zu hören? Und Abraham könnte erzählen, wie in ihm ein anstehender Entschluss wächst und Gestalt annimmt, wie er dies als Stimme Gottes hören kann und das ihm Vertrauen schenkt bei seiner verantwortungsvollen Aufgabe. All das steht unter der religionspädagogischen Aufgabenstellung: Was hilft dazu, dass sich Menschen heute in den biblischen Geschichten als Glaubensgeschichten, gewissermaßen als Modellgeschichten für Glauben wiederfinden können?

 

Und wie ist es im NT? Auch da geht es um Begegnungen der Menschen und das, was mit ihnen darin geschieht, Begegnungen, die dann ihre Glaubensdeutung erfahren – hier in der visionären Perspektive der anbrechenden Gottesherrschaft. Auch da geht es wieder um beides: Zum einen, Menschen anschaulich in Lebenssituationen vorzustellen, die zum Sich-Identifizie-ren einladen, so lebendig, dass bei den Zuhörenden das „Erzählkino im Kopf“ ablaufen kann. Freilich, die ntl. Perikopen in den Evangelien sind knapp erzählt, bieten aber dennoch viel Raum, sich in den Lebenssituationen der Menschen und ihren Herausforderungen wiederzufinden. Und dann soll deutlich werden, wie hier Glaube geschieht, Erfahrungen mit Gott samt deren Folgen und Konsequenzen für das eigene Leben. Menschen gewinnen die Einsicht, dass ihnen die heilsame Begegnung mit dem Rabbi Jesus von Gott geschenkt ist, samt den neuen Lebensperspektiven, die sich für sie eröffnen. Das ist viel mehr als ein rein körperlicher Heilungsvorgang – das lässt die Welt mit anderen Augen sehen; das weckt das Vertrauen darauf, dass menschliches Leben und Zusammenleben neu werden kann, weil Gott das so will, dass es auch auf überraschende Weise dort geschehen kann, wo man es kaum vermutet. „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt Jesus oft in den Evangelienberichten, das ist das Vertrauen darauf, dass in dem was Jesus wirkt, Gott am Werk ist.

 

In seinen Gleichnissen verstrickt Jesus seine Zuhörenden in eindrückliche Bilder und Geschichten von diesem Neuen, das von Gott zu erwarten ist: von der Saat, die trotz misslicher Umstände zur Ernte heranreift, von einer neuen Gerechtigkeit für alle. Das kommt von Gott, so ist Gott in der Welt da, sagt Jesus. Glauben heißt damit, sich in diese Bildgeschichten mit hineinnehmen und hineinverstricken zu lassen, sie als Bilder der Hoffnung in sich aufzunehmen und wirken zu lassen, sich von ihnen leiten zu lassen. Glaube ist da vor allem und zuerst ein Glaube mit Jesus, als Vertrauen auf die lebensverändernde Kraft Gottes, und weniger Glaube an Lehrsätze, so wichtig und unverzichtbar danach deren bündelnde und präzisierende Funktion sein mag.

 

Neben den Wunder- und Gleichnisgeschichten gehören zentrale Begegnungsgeschichten zum religionspädagogischen Kernbestand. Da habe ich mir etwa bei der Zachäus-Geschichte überlegt, wie die verfahrene Situation, in der sich Zachäus befindet, besonders gut deutlich werden könnte. Mit einem heftigen Disput an der Zollstation, oder auf seinem Weg durch die Stadt, auf dem er sich wie ein Aussätziger fühlt, oder erst auf dem Weg zu dem großen Ereignis, auf dem kein Durchkommen für ihn ist? Und inwiefern bewirkt die Begegnung mit Jesus etwas für seinen Glauben? Wird deutlich, dass er das Gute, das Jesus ihm angedeihen lässt, als etwas verstehen kann, das ihm von Gott geschenkt ist, ihn auf das verweist, wer Gott für ihn ist? Dass die Zuwendung und Freundschaft und Chance zum Neuanfang von Gott herkommen erfasst werden kann? Das braucht natürlich die Entfaltung im Erzählen, die weit über die formelhafte Aussage hinausgeht, dass heute diesem Haus Heil widerfahren ist. Ich stelle mir da schon ein ausgiebiges Gespräch vor, in dem Zachäus das Verhalten Jesu ihm gegenüber gleichsam als Gottesbegegnung zu verstehen lernt. Die freundliche Zuwendung dieses Rabbi wird ihm zur Gotteserfahrung mit großer, lebensverändernder Reichweite. Auf diese Weise möchte ich gerne die Zuhörenden zum aktiven Mitgehen in der Geschichte einladen.

 

Da sitzen die beiden, Zachäus und Jesus, lange zusammen, solch ein ausgedehntes Abendessen hat Zachäus schon lange nicht mehr erlebt und genossen. „Hast du eigentlich gewusst, welchen Beruf ich habe und was die Leute über mich sagen?“ fragt Zachäus. Und Jesus antwortet: „Ja, sicher.“ – „Und trotzdem sitzt du mit mir an einem Tisch und setzt dein Ansehen bei den anderen aufs Spiel?“ Jesus sagt: „Weil in dir noch so viel steckt, das zum Vorschein kommen kann. Du bist Geschöpf Gottes, wie die anderen auch, und so sollst du auch leben können. Du gehörst dazu zur Gemeinschaft und sollst dich darüber freuen können. Du sollst es genießen können, dass Gott dich genauso mag wie all die anderen!“ – „Das tut ich ja gerade schon“, sagt Zachäus, „und das haben ich allein dir zu verdanken! Was bist du nur für ein sonderbarer Rabbi!“ Und dann sagt Zachäus noch: „Wie wenn du geahnt hättest, wie sehr ich mich danach sehne, aus meiner verfahrenen Situation als Zöllner in römischen Diensten herauszukommen. Jetzt ist alles anders als vorher. Aber wie soll es nun weitergehen?“ Jesus meint: „Ich glaube, dir fällt da schon was ein“. Und dann reden die beiden darüber, wie es mit Zachäus am nächsten Tag und darüber hinaus weitergehen könnte.

 

Erzählen, das ist zunächst einmal der eigene Entdeckungsweg der Erzählenden selbst mit den biblischen Texten, was Glaube mitten im Leben bedeuten kann, elementarisiert auf wichtige, typische Lebenssituationen zugespitzt und entfaltet in eigenen Bildern und Vorstellungen. Die Zuhörenden werden auf diese Weise in das Erzählgeschehen mit hineingenommen. Umberto Eco schreibt über seine Vorstellung vom Idealleser seiner Romane, er solle zur „Beute des Textes werden“, der Text solle für den Leser zu einem „Erlebnis der Selbstveränderung“ werden. Das ist die Aufforderung der Erzählenden, dem Weg des Erzählgeschehens zu folgen. Zugleich fordert die Erzählung die Zuhörenden auf, ihren eigenen Weg mit dieser Geschichte zu gehen, mit ihren eigenen Bildern, eigenen Stimmungen und Gefühlen, mit ihrem eigenen Nachkonstruieren der Geschichte. Sog. rezeptionsästhetische Ansätze betonen, dass das Erzählte erst vom und im Hörenden selbst zur Geschichte wird, durch ihn selbst Gestalt annimmt, zu seiner eigenen Geschichte wird, damit auch zur je eigenen und jeweils auch anderen Geschichte. Die Hörenden als eigenständige Konstrukteure der Geschichte – auch das ist für das Erzählen wichtig. Sie entdecken ihre eigenen Höhepunkte, ziehen ihre eigenen Schlussfolgerungen, bewerten eigenständig die Glaubwürdigkeit des Erzählten. Was die Erzählenden in ihrer eigenen Erzählvorbereitung geleistet haben, soll in die eigenständige Erzählarbeit der Zuhörenden übergehen. Der zur „Beute der Geschichte“ gewordene Zuhörer wird zugleich aufgefordert, selbständig die Aneignung zu vollziehen, als eigenständig konstruierendes Subjekt den die Konstruktion eröffnenden Erzähler zu begleiten. Die Erzählidee des bzw. der Erzählenden kommt bei den Zuhörenden auf deren Prüfstand, um zu deren Geschichte zu werden.

 

So öffnen sich z.B. in der Zachäus-Geschichte die Spielräume des eigenständigen Konstruierens: Wie wäre es gewesen, wenn…? Hätte sich Zachäus auch anders verhalten können oder sollen, oder auch Jesus? Naheliegends ist es zunächst, gemeinsam die Geschichte weiterzukonstruieren: Es geht Zachäus so viel auf über sich selbst und seine Beziehung zu Gott. Das zeigt sich auch in seinen Ideen, die er mit Jesus bespricht. Und was bei ihm anders geworden ist, das wirkt auch, nachdem dieser Rabbi weitergezogen ist. Es ist nichts mehr so, wie es vorher war. Was mag bei ihm anders geworden sein? Was mag diese Begegnung bei ihm alles bewirkt haben? Was würde ich mir wünschen, dass sie bei ihm bewirkt hat? Inwiefern wäre das auch für mein eigenes Verständnis von Glauben wichtig?

 

Solches Weiterdenken gilt in besonderer Weise auch für die ntl. Wundergeschichten, nämlich inwiefern die Begegnungen mit diesem heilkräftigen Rabbi zum lebensverändernden Glaubensereignis, zum leibhaften Symbol der Hoffnung werden konnten. Wie diese heilsame Lebensveränderung aussieht, können die Zuhörenden mit ihrem je eigenen Blick auf die Wirklichkeit selbst weiterentwickeln, in vielerlei Vorstellungen von solcher Heilung in einem umfassenden Sinn. Welche Bilder und Vorstellungen von solchem verändernden Heilen können für den eigenen Glauben zu tragfähigen Hoffnungsbildern werden, welche nicht, welche stehen dem eher im Weg? Da ist z.B. der Unterschied groß zwischen Vorschulkindern, die sich aus Erzählungen emotional tief ansprechende Bilder des Vertrauens und der Zuversicht holen, und damit ihren, wie James Fowler es nennt, intuitiv-projektiven Glauben formen, und den Schulkindern, die mit kritischer Realitätsprüfung den Erzählbogen mitkonstruieren und Übereinstimmung mit der Logik ihres Wirklichkeitsverständnisses suchen.

 

Biblisches Erzählen tritt so als Erzählwerkstatt ins Blickfeld, in der von allen Beteiligten daran gearbeitet wird, wie sich die Leben gestaltende und auch verändernde Wirksamkeit des Glaubens überzeugend, elementar, glaubwürdig, nachvollziehbar im Erzählgeschehen ausbreiten kann. Haben die Zuhörenden in der Geschichte Feuer gefangen, dann ist die Bereitschaft geweckt, sich auf die Fragen des Glaubens einzulassen, dann kann auch weiterbedacht werden, wie dies im Fortgang treffend zu Wort kommen könnte, oder auch treffend in der Geschichte selbst, etwa in nachträglich eingefügten, hinzugedachten Dialogen etc. Die Zuhörenden werden so eingeladen zum eigenen Weiterspinnen des Erzählfadens, auch zum Nachvollziehen, Prüfen und Beurteilen, was ihrer Meinung nach gegenüber der biblischen Vorlage zugespitzt, akzentuiert, neu gefasst werden sollte. Damit ist der Weg nicht mehr weit zum Verständnis der biblischen Texte selbst als Ergebnisse solcher Erzählwerkstattarbeit. Haben nicht genau dies auch die biblischen Autoren in ihrem Aufnehmen und Weitergeben der Glaubensüberlieferungen selbst getan? Eine neue Dimension des biblischen Erzählens tut sich auf: das Erschließen der Entstehungssituationen biblischer Texte. Was im Nach- und Weitererzählen biblischer Geschichten geschieht, was in der Erzählwerkstatt aller Beteiligten gemeinsam an theologischem Bedenken, an Herstellen von Bezügen zur eigenen Lebenssituation geleistet wird, das geschah auch schon im Erzählen und Schreiben der biblischen Autoren selbst.

 

Freilich zeigt sich da zunächst eine noch zu überwindende Hürde auf: Das klassische Erzählalter ist ja vor allem die Grundschulzeit, und da tun sich die Kinder noch sehr schwer damit, eine Geschichte gleichzeitig auf zwei Ebenen zu denken: auf der Ebene der Erzählhandlung und der des Entstehens der Texte. James Fowler beschreibt das mit dem Bild eines Flusses: Kinder schwimmen noch gleichsam im Fluss des Erzählgeschehens, der Erzählhandlung mit. Sie können noch nicht ans Ufer steigen und von außen die Bedingungen der Entstehung dieser Geschichte reflektieren. Sie leben noch ganz und gar in der Geschichte selbst.

 

Ein m.E. immer noch überzeugender Lösungsvorschlag sind die sog. Ursprungsgeschichten. Die Erzählwerkstatt des biblischen Autors selbst wird zur Geschichte, in der die Kinder bei der Erzählung des biblischen Textes deren Verfasser gleichsam über die Schulter schauen. Sie nehmen Anteil an seiner Aufgabe,  möglichst gut zum Ausdruck zu bringen, was Glaube im Leben bewirkt, wie Menschen Ereignisse in ihrem Leben als Ausdruck der Beziehung zu Gott zu verstehen lernen.

 

Ein klassisches Beispiel dafür ist die sog. Natansparabel: König David hat ein Verbrechen begangen, das nicht ungesühnt bleiben darf. Aufgabe des Propheten Natan ist es, den König dazu zu bringen, dass er sich der höheren Autorität Gottes beugt, sich in seine Schranken als menschlicher König weisen lässt. Natan macht sich allerhand Gedanken, wie er das dem König nahe bringen kann. Da kommt ihm eine Idee. Und so erzählt Natan eine zunächst ganz weit vom zurückliegenden Geschehen entfernt scheinende Geschichte von einem reichen Mann, der einem armen Mann sein einziges Schaf wegnimmt, um es für ein Fest zu schlachten. Die Empörung des Königs in seinen Worten: „Wer ist der Mann? Er ist des Todes schuldig!“ wendet Natan zum Urteil, das den König mit seinen eigenen Worten unter die Autorität Gottes stellt: „Du bist der Mann!“ Im Medium des Erzählens selbst wird der Sinn dafür wach, wie neben dem historisch Fassbaren des Gottesglaubens in der Bibel auch immer die Erzählarbeit des aktualisierenden Zuspitzens, damit auch Veränderns und sogar erläuternden, auslegenden Neuschreibens in Anschlag zu bringen ist.

 

Ein Bereich, in dem das in besonderer Weise nötig erscheint, sind die biblischen Schöpfungsgeschichten. Die Auseinandersetzung, wer den recht habe, die Bibel oder die Naturwissenschaft, führt nicht weiter. Weiter kommen wir eher, wenn es uns gelingt, in die Erzählwerkstatt der biblischen Autoren zu gehen, um mitzuvollziehen, wie sie zweierlei auf die Reihe zu bringen versuchen: a) die Überzeugung, dass die Welt als eine gut gewollte und geschaffene Welt von Gott kommt, und dies mit offenen Augen zu sehen ist, und b) die Einsicht, wie sich kluge naturkundliche Weltbeobachtung mit dieser Überzeugung verbinden kann, also der naturkundlich erklärende Blick mit dem staunend dankbaren Zuschreiben des Wahrgenommenen als Leben schaffendes und erhaltendes Wirken Gottes.

 

Ein „Klassiker“ zu Gen.1 ist in diesem Sinne die Ursprungsgeschichte von Mirjam in Babylon, d.h. die Erzählung, wie in der Auseinandersetzung mit babylonischer Naturwissenschaft und babylonischem Götterglauben als Gegenentwurf dazu das Lehrgedicht Gen.1 entstand.

Als ich auf meinem letzten gemeinsamen Seminar zusammen mit dem katholischen Fachbereich in Eichstätt so erzählte, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Zu schwer lag etlichen Teilnehmenden im Magen, dass der wunderbare Text am Anfang der Bibel nur ein Reflex auf babylonische Religion sein sollte, gleichsam als deren Überarbeitung. Mehr Zustimmung fand ich mit einem Versuch einer Ursprungserzählung zu Gen.2. die damals noch eher in Andeutungen blieb, und die ich jetzt zum Schluss vortragen möchte. Ich wähle dazu den Stil einer Lehrerzählung, d.h. eines Lehrgesprächs. Diese Form der Erzählung bietet auch besonders viele Chancen für die Zuhörenden zum Nach- und Weiterkonstruieren, vielleicht sogar bis hin zu einer Schöpfungserzählung in ganz neuem Gewand.

 

Simon und Daniel sind auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho. „Viel hat sich verändert“, meint Simon, „seit David unser König war und Salomo es jetzt ist. Jetzt haben wir eine Hauptstadt und dort gibt es immer wieder Neues zu sehen und zu hören. Aus allen Ländern kommen Leute hierher mit ihren Waren und auch mit ihren Geschichten. Ich bin gerne in Jerusalem“. – „Wenn es bloß nicht so weit oben auf dem Berg wäre“, antwortet Daniel. „Ich sehe ja ein, dass David eine Hauptstadt wollte, die sicher wie eine Burg ist, aber der Weg vom Jordan unten bis nach oben ist doch sehr mühsam!“ Das stimmt. Steinig ist der Weg und führt durch eine Gegend, in der fast nichts wächst. Es ist heiß und die beiden freuen sich schon darauf, endlich wieder den Schatten von Bäumen zu genießen. „Trostlos ist es hier“, meint Simon, „aber bald sind wir in Jericho, unten am Jordanfluss. Da können wir dann rasten, uns saftige Granatäpfel kaufen und frisches Quellwasser trinken!“ Sie kommen um eine Biegung an einem Felsvorsprung – und sehen auf einmal weiter unten Jericho vor sich liegen, die Häuser inmitten von grünen Palmen und anderen Bäumen, wie in einem wunderbar prächtigen Garten. „Endlich“, sagt Daniel erleichtert“, und sie gehen ein bisschen schneller.

 

„Wann immer ich diesen Blick auf Jericho habe und mich auf den Palmengarten freue“, sagt Simon, „dann stelle ich mir auch vor, dass Gott so die Welt erschaffen hat.“ Daniel bleibt verwundert stehen und fragt neugierig zurück: „Und wie stellst du dir das vor? Du warst doch nicht dabei!“ Simon lacht und antwortet: „Natürlich nicht, kein Mensch war dabei, aber Gedanken kann man sich ja trotzdem machen. Also, ich denke mir, zuerst war es so wie auf dem Weg, den wir gerade gegangen sind, voller Steine, ohne Wasser und Leben. Und dann ließ Gott eine mächtige Quelle sprudeln, und feiner Regen kam von oben. Wasserbäche und Flüsse entstanden, und an ihnen ließ Gott einen wunderbaren Garten wachsen“. – „So wie der Garten von Jericho“, ergänzt Daniel. „Genau“, sagt Simon, „mit all den Pflanzen und Früchten, die Menschen und Tiere zum Leben brauchen“. Daniel nickt: „So wird es wohl gewesen sein. So einen schönen Oasengarten kann ich mir gut vorstellen. Ein Genuss für Menschen und Tiere!“

 

Dann meint Daniel: „Aber die Menschen und Tiere, die sind doch noch gar nicht da! Wie hat Gott denn die Menschen gemacht? Die Pflanzen hat Gott wachsen lassen. Das kann ich mir gut vorstellen. Aber wie hat er die Menschen gemacht?“ Simon bleibt stehen, kramt in seiner Tasche, holt eine Tonfigur heraus und zeigt sie Daniel. „Die habe ich in Jerusalem gekauft“, sagt er. „Die kommt direkt aus Ägypten. Vor kurzem war eine Karawane da; die Leute haben solche Figuren mitgebracht.“ Daniel staunt. „Der Mann sieht ja wie echt aus, wie lebendig!“ – „Das habe ich mir auch gedacht“, meint Simon. „Was ihm bloß noch fehlt, ist das Leben. Das kann kein Mensch machen, das kommt allein von Gott. Also, ich stelle mir das so vor: Gott hat den Menschen aus Ton und Lehm so geformt wie diese Figur. Und dann hat er ihr das Leben eingehaucht mit seinem göttlichen Atem“. Daniel meint ganz überrascht: „Das heißt, dass in allem, was lebt, etwas von Gott drin ist!“ – „Ja“, sagt Simon, „darum ist Lebendiges auch etwas ganz Wertvolles!“ Daniel nickt. „Wenn jemand stirbt, dann geht der Lebensatem wieder heraus und man kann den Körper begraben.

 

Aber erzähl’ doch weiter, hat Gott alle Menschen so erschaffen?“ – „Natürlich nicht“, sagt Simon. Eltern bekommen Kinder, das war schon immer so“. Daniel meint: Aber es fehlt doch noch die erste Frau! Die ist doch das Wichtigste beim Kinderkriegen! Wo kommt denn die her? Hat die Gott genauso  aus Ton geformt und ihr Leben eingehaucht?“ Simon denkt eine Weile nach und sagt dann: „Das glaube ich nicht. Sie ist genau so wie der erste Mensch, wie ein Stück von ihm selbst, im Unterschied zu allen Tieren, die Gott auch gemacht hat. Sie gehört ganz und gar zum ersten Menschen, zu Adam dazu, im Unterschied zu allen Tieren“ – „Also“, denkt Daniel weiter, „vielleicht hat Gott den Menschen noch mal wie leblos gemacht, wie in einen tiefen Schlaf versetzt, etwas von ihm genommen und daraus die erste Frau geformt.“ Simon lacht und meint: „Gut gedacht, Daniel. Männer haben ja eine Rippe weniger als die Frauen, vielleicht kommt das daher! Auf jeden Fall hat Adam seine Eva dann voller Freude umarmt und war glücklich, dass er nicht mehr allein war“. – „So kann ich mir das gut vorstellen“, meint Daniel. „Dann hat Gott ja auch die Liebe zwischen Männern und Frauen erschaffen. Das ist wunderbar!“

 

Nach einer Pause ergänzt Daniel noch: „Und dann hat Gott ja auch all die Tiere geschaffen. Die müssen wir jetzt nicht alle im Einzelnen bedenken. Es sind ja unzählig viele. Aber halt, jetzt fehlen ja noch die Namen für die Tiere. Kommen die auch von Gott?“ – „Nein“, antwortet Simon, „das glaube ich nicht. Du weißt doch auch, dass die Leute in anderen Ländern auch ganz andere Namen für die Tiere und Pflanzen und überhaupt alle Sachen haben. Die Namen kommen von den Menschen. Ich denke mir, Gott hat zu Adam und Eva gesagt: ‚Ich schicke euch jetzt die Tiere vorbei, und ihr überlegt euch gute Namen für sie“. – „Und für alles Andere konnten sich die Menschen auch Namen überlegen“, ergänzt Daniel. Eine Weile gehen Simon und Daniel schweigend weiter und hängen ihren Gedanken nach. Und dann sagt Simon noch: „Wer jemandem einen Namen gibt, muss sich auch um ihn kümmern! Das ist bei den Spielsachen so und auch bei den Haustieren, bei den Hunden und Katzen, und auch bei den Menschen. Das ist die Aufgabe der Menschen“.
„Und es ist auch gut, dass ich die Namen von all den guten Sachen weiß, die wir in Jericho bald essen werden“, sagt Daniel noch und lacht.

 

Als sie endlich unter schattigen Bäumen beim Essen sitzen, fragt Daniel noch: „Wie bist du eigentlich auf all die Gedanken gekommen, wie Gott die Welt gemacht hat?“ Simon antwortet: „In Jerusalem gibt es jetzt auch viele Tontafeln mit Schrift darauf, auf denen solche Geschichten stehen. Das ist alles sehr interessant. Kaufleute haben viele Tafeln aus anderen Ländern mitgebracht, und wir haben ja auch kluge Leute, die das lesen können und sich ihre eigenen Gedanken dazu machen, darüber reden und das auch wieder auf Tontafeln schreiben. Ich habe mich da umgehört, das mache ich jedes Mal, wenn ich in Jerusalem bin. Und dann sind mir auch selbst viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Man muss eigentlich nur die Augen und Ohren aufsperren. Man muss eigentlich nur neugierig hinhören und aufmerksam hinschauen auf das, was man sieht. Und du hast dir ja auch deine Gedanken gemacht auf unserem Weg!“ Daniel meint: „Ich glaube, es ist gut, sich solche Gedanken zu machen. So kann man noch besser an Gott glauben, nämlich dass alles von Gott kommt. Wir singen ja auch in den Psalmliedern: Gott, du hast alles weise geordnet, die Welt ist voll von deinen Gütern. Du lässest Gras wachsen für das Vieh, und Saat zu Nutz den Menschen. Ich finde es prima, dass man da weiterdenken kann.“ Simon nickt zustimmend: „Wir feiern Gott mit unseren Liedern, und dann sollen wir mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Und dazu gehört auch das Nachdenken darüber, wie das alles von Gott gekommen sein mag. Ich bin froh, dass unsere Priester in Jerusalem solche guten Gedanken sammeln und aufschreiben. Das hilft viel zum eigenen Nach- und Weiterdenken“.  

 

Nach einer Weile meint Daniel noch: „Aber eines verstehe ich nicht. Warum ist dieser schöne Garten Gottes nicht überall auf der Welt? Es müsste dann doch überall so eine schöne Oase sein wie hier in Jericho!“ – „Das ist eine andere Geschichte“, antwortet Simon, „die ist noch viel länger, die erzähle ich dir lieber ein andermal!“

 

Mit Geschichten, die gute Beispiele dafür sind, was Glaube ist und bewirkt, eröffnen sich anregende Arrangements zum Nach- und Weiterdenken. Vielleicht kommen ja Schülerinnen und Schüler zum eigenen Fortschreiben der Ideen und Vorstellungen, wie die Welt von Gott kommt. Vielleicht verwandeln sich in ihren Ideen Simon und David in die beiden Cartoon-Kultfiguren Calvin und Hobbes, die über Glaube und Naturwissenschaft, Bibel und Evolution diskutieren, und es entstehen tiefschürfende theologische Gedanken, wie beides zusammenpassen kann. Auf jeden Fall bleibt das Erzählen, das Sich-verstricken-lassen in Geschichten, das Nach- und Weitererzählen, auch das mit ihm verbundene Nach- und Weiterdenken eine zentrale Aufgabe für den Religionsunterricht. Und ich hoffe und wünsche, dass diese Aufgabe auch weiterhin die Beachtung findet, die ihr gebührt.

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© 2017 Frieder Harz