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    Ester

Ester

Eine Frau rettet durch Mut und Klugheit ihr Volk – Gott verwirklicht seinen Plan

Vorüberlegungen

Diese Novelle gehört zu den in christlichen Kreisen eher unbekannten Schriften der hebräischen Bibel, des Alten Testaments. Sie ist aber im Judentum umso mehr bekannt und geschätzt. Es geht in ihr um die Rettung der jüdischen Minderheit im persischen Reich vor Verfolgung und Vernichtung. Und es ist die Festgeschichte für das fröhliche Purimfest, in dem diese Rettung alljährlich gefeiert wird, mit Geschenken, Essen und Trinken, Spielen und Verkleiden. Wir entdecken in diesem kleinen Buch der Bibel mancherlei Parallelen zur Mose- und zur Josefsgeschichte. Ester muss sich an dem für sie fremden Königshof zurecht finden, und sie gewinnt dort eine hohe Stellung. Sie gerät vor die schwierige Herausforderung, in dieser Position zur Retterin ihres Volkes zu werden, was ihr auch durch ihren Mut und ihre Klugheit gelingt. Der große Unterschied zu den viel bekannteren beiden Erzählkreisen des Alten Testaments zu Mose und Josef besteht darin, dass hier von Gott ausdrücklich überhaupt nicht mehr die Rede ist. Gottes Wirken geschieht allein im menschlichen Geschehen, es ist gleichsam versteckt in den Fügungen, etwa dass der König zur rechten Zeit eine günstige Entscheidung trifft. Damit ist diese Geschichte nahe bei unseren Erfahrungen, in denen Gottes Eingreifen ja auch nicht unmittelbar erlebt wird, sondern wir Ereignisse in diesem Sinne deuten.

Kinder fühlen sich sicher von der großen Spannung gefesselt, die diese Geschichte durchzieht. Wird es Ester gelingen, den finsteren Absichten des Gegenspielers Hamann etwas entgegenzusetzen? Sie werden sich gerne mit Ester identifizieren, die in eine wichtige Rolle hinein wächst und durch ihren Mut und Verstand die Bedrohung abwenden kann. Mit Ester können sie ihre Wünsche nach und Phantasien von Größe, Ansehen und Gelingen verbinden. Und sie können so auch neue Erfahrungen mit Gott machen: dass Gott auch da am Wirken ist, wo auf den ersten Blick gar nichts von ihm wahrzunehmen ist, auf den zweiten dafür um so mehr.

Lernziele

-         miterleben, wie Ester Großes gelingt

-         sich bewusst machen, wie unangenehme Ereignisse im späteren Rückblick eine andere Bedeutung gewinnen können

-         entdecken, dass Gottes Wirken inmitten menschlichen Wirkens erkannt werden kann

-         eine für das Selbstverständnis des Judentums und seine Festpraxis wichtige biblische Geschichte kennenlernen

 

Erzählanregung

1.      Szene: Mordechai erzählt

Im ersten Abschnitt werden die Personen der Geschichte vorgestellt – aber erst, nachdem die beiden Dialogpartner in Aktion getreten sind. So werden die Informationen wenigstens andeutungsweise in die Erzählung einbezogen. Sie ließen sich wohl alle in weiteren Szenen erzählerisch aufbereiten (z.B. ein Besuch im Palast des Königs, oder: Mordechai uns seine Freunde treffen sich und erzählen von früher usw.), aber darauf wurde um der gebotenen Kürze der Erzählung willen verzichtet.
Den ersten Teil der Ester-Geschichte erzählt Mordechai rückblickend. Dabei kann die Hauptperson Ester schon ins Spiel kommen, mit ihrem Interesse, ihren Fragen und auch ihren Gefühlen. Die Zuhörenden ahnen schon, dass sie in dieses Geschehen bald selbst eintreten wird. Zugleich wird über die für das weitere Verständnis wichtige absolute Mache des Königs – auch über seine nächsten Mitmenschen – informiert. 
Mit der Suche nach der neuen Königin spitzen sich die geweckten Vermutungen und auch Befürchtungen weiter zu.

„Heute war wieder ein großes Fest im Königspalast“, erzählt Mordechai seiner Cousine Ester. „Unser großer König Xerxes hat einen Staatsempfang gegeben. Prächtig muss es dort zugegangen sein, wie immer, wenn er Gäste hat.“ Wer sind Mordechai, Ester und der König? Xerxes ist Herrscher über das riesige persische Reich. Zu ihm gehören viele Länder. Er wohnt an verschiedenen Orten. Gerne hält er sich in Susa auf. Dort hat er auch eine seiner königlichen Residenzen und feiert dort oft rauschende Feste. Mordechai ist ein Nachkomme der Juden, die vor über einhundert Jahren aus Jerusalem vertrieben und in Babylonien angesiedelt wurden. Für seine Vorfahren waren es noch schlimme Zeiten gewesen, aber er fühlt sich wohl in Susa. Dazu trägt auch bei, dass er in der königlichen Residenz eine gute Stelle hat. Ester, eine junge Frau, ist seine Cousine. Als sie ihre Eltern verloren hatte, wurde sie von Mordechai in dessen Haus aufgenommen.

„Stell dir vor, was bei dem Fest in der Residenz passiert ist“, erzählt Mordechai, als die beiden beim Abendessen zusammensitzen. „Der König wollte seinen Gästen wieder einmal zeigen, wie reich und mächtig er ist. Und dann hat er auch die Schönheit seiner Frau gerühmt, bis alle die Königin sehen wollten. Er hat sie rufen lassen, aber sie kam nicht. Stell dir vor, sie kam einfach nicht! Der König hat nach dem Fest geschrien und getobt. Das ist Majestätsbeleidigung, soll er gerufen haben. Und dann hat er noch am gleichen Tag die Königin für abgesetzt erklärt und verstoßen.“ „Kann der König seine Frau einfach wegschicken?“, fragt Ester. „Ja“, antwortet der Onkel. „Der König hat die Macht. Er allein befiehlt, was zu geschehen hat. Wenn er gut gelaunt ist, macht er seinen Freunden riesige Geschenke, aber wenn er schlecht gelaunt ist und sich ärgert, kann er seine besten Freunde zugrunde richten.“ Hoffentlich habe ich nie etwas mit diesem König zu tun!“ denkt Ester. Der Vetter erzählt weiter: „Jetzt wird überall im Land nach einer neuen Königin gesucht. Die schönsten unter den Frauen werden zum Königspalast gebracht. Aus ihnen kann sich dann der König seine neue Frau aussuchen.“ Und dann sagt er noch ganz leise hinterher: „Ester, du bist so schön!“ Wenn andere ihr solche Komplimente machen, freut sie sich. Aber jetzt erschrickt sie.

2.      Szene: Die Boten des Königs bringen die Veränderung für Ester

Das Vermutete tritt ein. Ester hat Angst davor. Kinder finden sich in Ester mit ihren eigenen Ängsten wieder, aus dem vertrauten Umfeld herausgerissen zu werden. Wie Ester müssen auch sie sich oft solchen Zwängen fügen.

Während sie noch miteinander reden, klopft es an der Tür. Es sind Boten des Königs, und sie reden mit Mordechai. Ester tritt hinzu, und die Männer sagen zu ihr: „Du musst auch unbedingt zum König kommen! Wer weiß, vielleicht wirst du die neue Königin. Das wäre doch großartig für dich!“ Doch für Ester ist das eine schlechte Botschaft. Sie soll in diese fremde Welt des Königshofs eintreten? Als die Boten weg sind, redet sie auf Mordechai ein: „Was soll ich denn dort? Ich kenne doch niemand. Und was ist, wenn ich einen Fehler mache? Ach Mordechai, ich möchte hier bleiben!“ Der ist auch erschrocken. Aber er sagt: „Ester, du kannst diesen Befehl nicht missachten! Du musst dorthin!“

3.      Szene: Abschied von Mordechai

Nochmals geht es um die Angst vor dem Neuen. Zugleich transportiert diese Abschiedsszene eine Fülle von Informationen für den weiteren Fortgang des Erzählgeschehens: der zweite Hauptstrang der Novelle, die Auseinandersetzung zwischen Hamann und Mordechai, der im biblischen Text zunächst getrennt vom ersten erzählt wird, kann so in die Geschichte von Ester integriert werden.
Obwohl von Gott im Buch Ester selbst nicht die Rede ist, wird er im Erzählvorschlag eingebracht – auf der Ebene der persönlichen Beziehung zu ihm, die im Gebet ihren wohl wichtigsten Ausdruck findet. Das ist die Voraussetzung, von der aus Gottes Wirken im menschlichen Handeln überhaupt deutend erkannt werden kann. Weil diese Basis für die heutigen Zuhörenden nicht selbstverständlich ist, wird sie hier eingebracht. Im Gebet wird auch schon verdeutlicht, wie Gottes Wirken geschieht: „Hilf mir, das Richtige zu tun!“

Schon am nächsten Tag soll sich Ester im Königspalast melden. Bevor sie sich auf den Weg macht, ermahnt sie Mordechai noch eindringlich: „Sage niemandem, dass du eine Jüdin bist! Deine Eltern sind früh gestorben und ich habe dich bei mir aufgenommen, das ist alles!“ Als Ester ihn fragend anschaut, sagt er noch: „Es gibt einflussreiche Leute, die uns Juden nicht leiden können. Wir haben hier in Persien nichts zu suchen, sagen sie. Und wenn einer von uns es zu Reichtum und Ansehen bringt, wächst bei den anderen der Neid. Es ist nicht gut, wenn andere auf uns aufmerksam werden. Und eines möchte ich dir noch sagen: Hüte dich vor dem Minister Hamann. Der meint es nicht gut mit uns Juden." Und dann sagt er noch: „Mit meinen Gedanken und meinen Gebeten bin ich jeden Tag bei dir! Gott wird seine Hand über dir halten. Vielleicht hat er ja etwas ganz Bestimmtes mit dir vor!“ Aber Ester hat Angst vor all dem Neuen, das da auf sie zukommt. „Lieber Gott,“ betet sie, „warum muss ich in den Königspalast gehen? Lass mich bitte nicht allein! Und zeige mir, wie ich mich verhalten muss! Und wenn du mit mir etwas vorhast und es für mein Volk gut sein soll, dann hilf mir, dass ich es auch tun kann!“ Dann wird sie ruhiger und macht sich innerlich gefasst auf den Weg.

Der Königspalast ist wie eine andere Welt. Alles glänzt in Silber und Gold. Ester geht es dort sehr gut. Sie bekommt prächtige Kleider, Schmuck, und alle erkundigen sich, ob es ihr auch gefällt. „Du sollst dich bei uns wohlfühlen“, sagen sie, „dann bist du noch schöner!“ Nach einiger Zeit wird sie dem König vorgestellt, und der ist von ihr gleich begeistert. „Du sollst meine neue Frau sein!“ jubelt er.

4. Szene: Die neue Welt des Königshofs

Wiederum stehen wichtige Informationen im Vordergrund. Wer mag, kann dabei auch von Esters Gefühlen der Erleichterung erzählen. Die bestimmende Linie aber bleibt weiterhin das Fremde, Bedrohliche. Der zweite Erzählstrang wird hier (Mordechais Aufdeckung einer Verschwörung) wird hier auch wieder in den ersten integriert, mittels eines erdachten Briefs.
Das Verbot, eigenmächtig vor den König zu treten, wird die Spannung später auf den Höhepunkt treiben.

Nun lebt Ester im Königspalast, hat Dienerinnen und Diener. Jeder Wunsch wird ihr sofort erfüllt. Nach einiger Zeit bekommt sie einen Brief von ihrem Vetter. Wie freut sie sich über das Lebenszeichen aus ihrer heimatlichen Umgebung. Mordechai schreibt, dass er zwei Männer belauscht hat, die von irgend jemand den Auftrag hatten, den König umzubringen, und kennzeichnet sie genau. „Ich möchte mich nicht in den Vordergrund drängen“, schreibt er, gib du bitte die Informationen weiter!“ Das tut Ester natürlich gerne. Die Männer werden verhaftet und der Vorfall wird samt dem Namen des Zeugen Mordechai in die Akten eingetragen. Und alles geschieht ohne großes Aufhebens.

Es dauert eine Weile, bis sie sich in der fremden Welt des Königshofs zurechtfindet. Die Regeln, die hier gelten, muss sie erst lernen. „Was eure Majestät unbedingt beachten muss“, erklärt der Zeremonienmeister, „ist, dass ihr nie ungerufen vor den König treten dürft. Das ist genauso schlimm, wie wenn ihr euch weigern würdet, zu ihm zu kommen. Der König kann jede Übertretung dieser Regel mit dem Tod bestrafen!“ Ester erschrickt. So glanzvoll das Leben hier ist, so gefährlich ist es doch auch. Immer wieder muss sie an Mordechai denken und an das, was er ihr zum Schluss noch aufgetragen hatte. Sie erzählt niemandem, dass sie Jüdin ist, aber in der Stille betet sie zu ihrem Gott.

4.      Szene: Königin Ester vor einer schwerer Entscheidung

Wieder geht es zunächst um das Einbeziehen des anderen Erzählstrangs. Es bietet sich an, dass Ester von anderen davon hört. So kann zugleich erzählt werden, was das bei ihr an Befürchtungen, Ängsten, Sorgen, Erwägungen auslöst. Der zweite Erzählstrang wendet sich jetzt ganz zugunsten Hamanns und umgekehrt zur Not Esters und ihres Volks.
Jetzt muss die Erzählhandlung bei Ester weitergehen. Vorbereitet wird dies durch ihr Gebet, durch das Erleben ihrer Hilflosigkeit, durch das Drängen des Vetters.
Die Erzählung ist jetzt ganz bei Ester und ihrem Ringen um den richtigen Entschluss. Dass sie im Gebet Begleitung und Rat Gottes sucht, soll wieder Praxis des Glaubens zugänglich machen. Im Erzählvorschlag wird versucht, die Gefühle der Ester in Handlung umzusetzen, v.a. in Bewegungen, um sie so erzählbarer zu machen. Auf der Gedankenebene steht die Alternativen für ihr Tun noch hart nebeneinander. Mit dem Entschluss löst sich die Spannung bei ihr und verlagert sich nun ganz auf das Geschehen beim König.

Eines Tages erzählt ihr eine Dienerin Neuigkeiten: „Stellt euch vor, Königin, da gibt es Menschen bei uns im Land, die Juden, die den König nicht ehren! Hamann hat das laut im Palast verkündet.“ Ester ist auf einmal sehr unruhig. Noch am selben Tag hört sie selbst, wie Hamann erzählt: „Ihr wisst doch, dass ich oft ein kleines Götterbild bei mir trage. Und deshalb habe ich befohlen, dass sich alle vor mir, - äh – vor meinem Götterbild verneigen müssen. Aber die Juden, die tun das nicht. Das ist Landesverrat! Einer von ihnen, der Mordechai, hat mir sogar frech geantwortet, dass sie sich vor keinem Götterbild, sondern nur vor dem einen Gott verneigen. Ich bin natürlich gleich zum König gegangen, und er hat mir erlaubt, alle Juden, die ich erwische, einsperren zu lassen. Jetzt werdet ihr sehen, was wir mit den Juden machen! Die werden sich schon noch wundern! Der König ist ganz auf meiner Seite!“

Ester würde am liebsten gleich zu Mordechai laufen und alles mit ihm bereden. Aber das kann sie jetzt nicht tun. Um sich selbst hat sie keine Angst, denn niemand im Palast weiß ja, dass auch sie Jüdin ist. Aber um ihren Vetter, ihre Freunde, ihr ganzes Volk macht sie sich große Sorgen. Und sie kann doch gar nichts gegen den Hamann unternehmen! In der Stille betet sie zu Gott: „Lieber Gott, hilf uns doch! Und wenn ich etwas tun kann, dann zeige es mir!“ Am nächsten Tag bekommt sie im Geheimen wieder einen Brief von ihrem Vetter. Ganz verzweifelt schreibt er: „Liebe Ester, ich weiß nicht, wie es mit uns weitergehen soll. Vielleicht hat es Gott gewollt, dass du Königin wirst, um uns zu retten! Du musst etwas für uns tun! Dein dich liebender Vetter Mordechai.“

Jetzt ist Ester ganz verzweifelt. Sie überlegt hin und her. „Wenn ich ungerufen zum König gehe, kann das mir das Leben kosten, und wenn der König erfährt, dass ich Jüdin bin, auch. Damit wird die Gefahr für mein Volk nur größer. Aber vielleicht hat Mordechai recht, dass Gott etwas mit mir vor hat. Unruhig geht sie in ihrem Zimmer auf und ab, presst die Hände zusammen, denkt nach, schüttelt den Kopf, überlegt von Neuem. Und immer wieder betet sie: „Gott, hilf mir und zeige mir, was ich tun kann!“ Dann hat sie ihren Entschluss gefasst. Jede Einzelheit hat sie sich immer wieder genau überlegt. „Meldet mich beim König!“ ordnet sie ruhig und bestimmt an. Die Ratgeber des Königs werden bleich vor Schreck und wehren ab: „Bitte nicht! Das kann euch das Leben kosten! Wir haben schon genug Ärger im Palast mit den Juden! Der König ist jetzt unberechenbar!“ Aber Ester gibt nicht nach.

5.      Szene: Beim König

In der ersten glücklichen Wendung führt Esters Mut zum Erfolg. Alle atmen erleichtert auf. Aber jetzt erst öffnet sich der Raum für Esters kluges Agieren, von dem der gute Ausgang abhängt. Warum eigentlich packt Ester nicht die Gelegenheit beim Schopf und fordert vom König den Schutz der Juden? Sie würde ihn dadurch in eine unangenehme Zwickmühle bringen, denn er hatte ja auch Hamann sein Wort gegeben. Das Abendessen aber gibt ihr Spielraum, behutsamer beim König eine andere Sicht der Dinge anzuregen – so, dass er dann selbst aus eigener Einsicht handeln kann.

Mit klopfendem Herzen erscheint sie vor dem König. Freundlich schaut sie ihn an, obwohl sich in ihr alles zusammenschnürt vor Spannung. Wie wird er reagieren? Dann sieht sie ein Lächeln auf seinem Gesicht, und sie hört ihn reden: „Nun, meine Königin, ich sollte dich wirklich öfter sehen! Wünsch dir etwas, ich werde dir jeden Wunsch erfüllen!“ Ein Stein fällt ihr vom Herzen, sie könnte springen vor Erleichterung. Nur keinen Fehler machen, denkt Ester bei sich. „Würdevoll und freundlich sagt sie zum König: „Mein Wunsch ist, dich und Hamann zu einem festlichen Essen in meinen Gemächern einzuladen!“ „Diesen Wunsch erfülle ich gerne!“ antwortet lächelnd der König.

6.      Szene: Das erste Abendessen

In diesem Sinne wird im Erzählvorschlag Ester als kluge Gesprächsteilnehmerin gezeichnet. Sie will beim König eine andere Sicht der Dinge anbahnen. Ihr Klugheit schützt sie vor Ungeduld, die alles zerstören könnte. Im biblischen Text kommen in diesem Zusammenhang deutlich weisheitliche Traditionen zur Geltung.

Das Abendessen mit dem König und mit Hamann verläuft in gelöster Stimmung. Der König ist gut gelaunt. Auch Hamann ist fröhlich. nach einigen Bechern Wein erzählt er: „Den Juden werde ich schon das Fürchten lehren, und dem Mordechai habe ich schon das Todesurteil ausgestellt!“ Der König findet das ganz in Ordnung. Ester lässt sich nichts anmerken, obwohl sie ihre innere Spannung kaum aushält, und wendet klug und geschickt ein: „Manche Juden haben aber schon wertvolle Dienste für den König erbracht, Hamann! Das solltet ihr nicht übersehen!“ Der König hört ihr aufmerksam zu. Zum Schluss sagt der König: „Das war ein schöner Abend! Zum Dank hast du, meine Königin, noch einen Wunsch frei!“ „Mein größter Wunsch ist, euch beide morgen Abend wieder bei mir begrüßen zu dürfen!“ Der König stimmt fröhlich zu. Heiß und kalt ist es Ester dann vor Schreck. Hat der König verstanden, was sie meinte? Mehr zu sagen wäre zu gefährlich gewesen. Sie hofft inständig, dass er König über ihre Worte nachdenkt.

7.      Szene: Das zweite Abendessen

Erstaunlicherweise ist die entscheidende Wende inzwischen schon geschehen. Im Erzählvorschlag wird zuerst noch die Neugier daraufhin geweckt. Dann wird sie aufgedeckt. Wer hat die Wende bewirkt? Ester mit ihrer klugen Vorbereitung? Ein Zufall, der den schlaflosen König nach den Akten greifen ließ? Oder Gott, der es gefügt hat, dass es so geschah? Ester hat nicht nur durch eigenen Mut und eigene Klugheit Erfolg, sondern die Konstellationen werden auch noch von anderer Seite her gesetzt: Glaubende Menschen verstehen dies als Gottes Werk.
Aber die Konstellationen brauchen andererseits die aktive Füllung und Gestaltung durch Menschen: Ester spürt jetzt die Gunst der Stunde. Sie trägt ihr Anliegen vor, erläutert dem König ihre Sicht der Dinge und weitet so seinen Blick. Der Erzählvorschlag klammert aus, dass Hamann an demselben Galgen gehenkt wurde, an dem er eigentlich Mordechai zu Tode bringen wollte. Oder sollten die Kinder wirklich Gelegenheit bekommen, ihre Rachegefühle auszuleben?

Am nächsten Abend ist es wie am Tag zuvor. Der König ist wohl gelaunt. Aber Hamann ist auffallend still. „Na, mein Hamann“ sagt der König und klopft ihm auf die Schultern, hast du meinen Befehl für Mordechai auch ordentlich ausgeführt?“ Ester wartet gespannt auf jedes Wort, das der König oder Hamann jetzt sagt. „Meine liebe Ester“, fährt der König fort, deine Worte von gestern waren eine gute Anregung! Ich habe nicht schlafen können und mir dann die Akten bringen lassen über die Personen, die sich um den König verdient gemacht haben. Und da bin ich doch auf den Mordechai gestoßen. Stell dir vor, der hat mir einmal das Leben gerettet! Und er war so bescheiden, dass alle das wieder vergessen haben. „Hamann, Hamann“, wendet er sich an seinen Minister, „da hättest du beinahe einen ganz großen Fehler gemacht! So etwas darf dir nicht ein zweites Mal passieren!“ Jetzt spürt Ester, dass es an der Zeit ist, ihr Anliegen vorzubringen. Sie atmet tief, und dann erzählt sie dem König, was sie vom Volk der Juden weiß, was Hamann angezettelt hat, und auch, dass sie selbst eine Jüdin ist. Wieder hört ihr der König aufmerksam zu. Denn wendet er sich an Hamann und sagt in strengem Ton: „So hast du also deine Amtsgewalt missbraucht und mich getäuscht! Du hast mich verleitet, die Verordnung gegen die Juden auszustellen! Das verzeihe ich dir nicht! Ich will von dir nichts mehr wissen! Fort mit dir!“

8.      Szene: Große Freude

Viel wichtiger scheint es doch, der Freude Ausdruck zu geben. Die Szene beginnt bei Ester und Mordechai im Palast und öffnet sich dann auf die Freudenfeste der Juden im ganzen Land hin. Damit wird unausgesprochen schon das Purimfest ins Spiel gebracht. Am Ende steht noch einmal die Deutung des Glaubens, die in all den menschlichen Zusammenhängen Gottes Wirken entdeckt.

Am nächsten Tag lädt Ester Mordechai in den Palast ein. Jetzt braucht sie nichts mehr geheim halten. Überglücklich erzählen die beiden einander, was sie erlebt haben. Durch die Fenster sehen sie, wie Boten in alle Himmelsrichtungen hinaus reiten. „Die tragen die neue Verordnung des Königs in alle Teile des Landes“, erklärt Ester, dass unser Volk geschützt ist. In der Hauptstadt und im ganzen Land feiern die Juden Dankgottesdienste und dazu ein großes Freudenfest, bei dem viel gelacht und gesungen wird. Die Kinder verkleiden sich als Hamann, vor dem sie sich zuerst fürchten, und den sie dann auslachen. „Ich danke dir, mein Gott“ betet Ester, „dass es so gekommen ist. Ich danke dir, dass du mir die richtigen Worte zur rechten Zeit gegeben hast. Ich danke dir, dass es uns wieder gut geht!“

 

 

Gesprächsimpulse

-         Erzähle davon, wo deine Spannung am größten war!

-         Ester war mutig und klug. Erzähle, wo du diesen Mut und diese Klugheit ganz besonders gespürt hast!

-         Außer in den Gebeten der Ester ist in dieser Geschichte von Gott überhaupt nicht die Rede. Hast du gespürt, ob überhaupt bzw. wo Gott am Werk war?

-         Was meinst du, wofür Ester Gott ganz besonders dankbar war?

-         Kannst du dir vorstellen, warum diese Geschichte in jüdischen Familien zu einem Fest wurde, das jährlich gefeiert wurde?

-         .......

Anregungen für die Freiarbeit

l Juden feiern auch heute noch ein Fest zur Erinnerung an dieses Geschehen, das Purimfest. Informiert euch darüber, wie dieses Fest gefeiert wird. Berichtet darüber in der Klasse z.B. in einer Wandzeitung, einem kleinen Vortrag, einem Info-Blatt.

l Ester ist eine besondere Frau. Stellt euch vor, ihr solltet einen Steckbrief für sie verfassen. Wie würdet ihr sie beschreiben?

l Mordechai möchte Ester gerne etwas mitgeben, das ihr am fremden Königshof Mut macht. Was könnte das sein? Magst du so ein Mutmach-Symbol suchen, aus Ton formen, aus Pappe schneiden, malen?

l Ester hat immer wieder Grund für ein Gebet. Suche dir die wichtigsten Situationen aus. Vielleicht magst du ein Ester-Gebetbüchlein zusammenstellen. Könnte es auch dein Gebetbüchlein werden?

l Diese Erzählung ist eine Geschichte vom Wirken Gottes. Diskutiert in der Gruppe diese Fragen: Kommt Gott in der Geschichte vor? Was tut Gott? Wo ist etwas von seinem Wirken spürbar? Berichtet von euren Ergebnissen.

l Die Estergeschichte wurde ursprünglich auf einer Schriftrolle nieder geschrieben. Hast du Lust, dir deine eigene Schriftrolle herzustellen? Dazu kannst du auf einem langen Papierstreifen die wichtigsten Ereignisse in wenigen Sätzen zusammenfassen und aufschreiben. Mit Hilfe von zwei Holzstäben kannst du daraus eine Schriftrolle basteln.

l Endlich frei von Angst! Viele aus dem Volk der Juden interessieren sich dafür, was im Palast wirklich geschehen ist. Ihr könnt ein Interview vorbereiten, in dem ihr verschiedene Personen zum Geschehen befragt. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr das Interview mit dem Recorder aufnehmen.

l Ihr könnt die Geschichte verklanglichen. Welche Instrumente werdet ihr für die Gestalten der Geschichten aussuchen?

l Gott wirkt durch Menschen. Vielleicht entdeckst du Menschen damals in der Bibel oder auch heute, auf die dieser Satz zutrifft. Du kannst aus Fotos, Bildern, Texten, eigenen Sätzen eine Collage zu diesem Satz gestalten. 

 

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© 2017 Frieder Harz