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    Philipp als Brückenbauer

Philipp Melanchthon als Brückenbauer – der Reichstag in Augsburg 1530

Vorüberlegungen

Mit den in Torgau vereinbarten Vorbereitungen ging es 1530 zum Reichstag nach Augsburg. Dort hatten die Wittenberger Theologen, jetzt unter Melanchthons Führung, eine doppelte Aufgabe. Es galt zum einen im eigenen evangelischen Lager die Zustimmung möglichst aller zu dem als Entwurf vorliegenden gemeinsamen Bekenntnis zu gewinnen. Das war die Voraussetzung, um zum anderen damit in die Verständigungsbemühungen mit der katholischen Seite einzutreten. Die aber erschienen von Anfang an als eine schier unlösbare Aufgabe. Philipp Melanchthon sah sie jedoch als unverzichtbar an, um so einen sich sonst abzeichnenden Krieg zwischen den Fürsten beider Lager zu vermeiden. Die erste Aufgabe ist – mit Ausnahme der Schweizer Reformatoren, die ein eigenes Bekenntnis vorlegten, gut gelungen. An der zweiten ist Melanchthon gescheitert, denn die Einheit der Christen in Deutschland wurde weder in Augsburg noch später wiederhergestellt. Auch war die Zeit für ein friedliches Neben- und Miteinander der Konfessionen noch nicht reif – von erfreulichen Ausnahmen abgesehen. 15 Jahre nach dem Augsburger Reichstag und für Melanchthon ermüdenden ergebnislosen weiteren Verhandlungen kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die zunächst mit einer vernichtenden Niederlage der evangelischen Fürsten endete.

In Augsburg lotete Melanchthon in seinen Verständigungsbemühungen mit der katholischen Seite alle ihm möglich erscheinenden Zugeständnisse aus. Das brachte ihm viel Kritik im eigenen Lager ein. Obwohl er die Angebote nach dem Scheitern der Verhandlungen wieder zurückzog, galt er doch etlichen Lutheranhängern als Verräter des reformatorischen Erbes. Im Zeichen heutiger aktueller Bemühungen um ein verständnisvolles ökumenisches Miteinander verdient Melanchthons Wirken in seiner Eigenständigkeit neben Luther mehr Beachtung als früher.

 

Erzählung

In der Osterzeit des Jahres 1530 bricht die kurfürstliche Reisegesellschaft zu ihrer Fahrt nach Augsburg auf. In der Kutsche mit dem kursächsischen Wappen sitzt Kurfürst Johann mit seinem Hofkanzler Brück. Umgeben sind sie von Reitern in ihren Uniformen zum Schutz des Fürsten. Voraus reitet der kurfürstliche Herold, es folgen hinter ihnen die Kutschen mit weiteren wichtigen Personen des Hofstaats, dann mit den Rechtsberatern und den Theologen der Universität. Justus Jonas und Johannes Bugenhagen sind dabei, natürlich auch Martin Luther und Philipp Melanchthon, also die bedeutendsten der Wittenberger Reformatoren. Weil Luther aus Sicherheitsgründen an der südlichen Grenze des Kurfürstentums Sachsen in der Feste Coburg zurückbleiben muss, nutzen die Wittenberger Freunde die wenigen gemeinsamen Tage und Stunden der Reise noch für ihre vorbereitenden Gespräche.

Philipp berichtet, wie er aus Schriften Luthers und eigenen Überlegungen seinen Entwurf einer evangelischen Bekenntnisschrift verfasst hat. „An der will ich dann in Augsburg mit eurer Hilfe weiterarbeiten. Wenn wir Genaueres wissen, wo uns die katholischen Theologen den Abfall von dem für alle verbindlichen christlichen Glauben vorwerfen werden, können wir dann sorgfältig prüfen, wie wir uns mit den Worten der Heiligen Schrift verteidigen können“. Die anderen nicken zustimmend. Martin verzieht das Gesicht. Man merkt ihm an, wie sehr er sich schon jetzt ärgert, dass er in Augsburg nicht dabei sein kann. Die anderen trösten ihn und Philipp verspricht: „Wenn es Neuigkeiten gibt, werde ich gleich einen Bericht schreiben und den Boten mit seinem schnellsten Pferd auf den Weg schicken“. Und dann fügt er noch hinzu: „Und wir warten dann natürlich auch gespannt darauf, was du uns dazu mitzuteilen hast“.
Justus Jonas meint noch: „Denkt auch an das, was wir in Torgau besprochen haben. Wir sollten freundlich mit dem Kaiser und unseren theologischen Gegnern umgehen und alle Möglichkeiten der Verständigung nutzen. Bei dir, Martin, hätten wir da manchmal schon die Sorge, dass du zornig wirst und deinem Ärger freien Lauf lässt. Das würde dann mehr schaden als nützen. So gesehen ist es schon gut, dass Philipp unser Wortführer wird. Uns kannst du ja schreiben, was dich wütend macht, und Philipp findet dann die richtigen Worte, es weiterzusagen“. Martin betont nachmals, was ihm für die Verhandlungen besonders wichtig ist. Er erzählt ihnen auch von seinen Erinnerungen, als er vor zwölf Jahren in Augsburg zum Verhör vor dem päpstlichen Beauftragten Cajetan geladen war. Und dann kommt schon die Stunde des Abschieds in Coburg.

Als der Kurfürst mit seinem Gefolge am 2. Mai in der freien Reichsstadt Augsburg eintrifft, sind die Reformatorenfreunde beeindruckt von den Palästen der reichen Kaufmannsfamilien, besonders von dem der Fugger. Sie bleiben auch vor dem reich verzierten Bischofspalast neben dem Dom stehen. In dessen Kapitelsaal werden die Reichstagsverhandlungen stattfinden. Enttäuscht sind sie zunächst, dass von den anderen Fürsten und Räten noch niemand eingetroffen ist. Sie hören, dass sich der Kaiser sogar noch in Italien aufhält, aber nach wie vor die Absicht hat, nach Augsburg zu kommen. Aber die Enttäuschung verfliegt schnell, als sie beim Rat der Stadt vorsprechen und ihnen ein dickes Papierbündel ausgehändigt wird. Philipp blättert es auf und ruft dann: „Gut, dass wir noch einige Zeit haben. Das ist eine Schrift von unserem theologischen Hauptgegner Doktor Eck. Er unternimmt hier den Versuch, in 404 Artikeln unseren reformatorischen Glauben zu widerlegen. Wir brauchen die Zeit, um zu prüfen, ob unsere Bekenntnisschrift alle wichtigen Antworten auf seine Anklage enthält. Da gibt es jetzt noch einiges an unseren Sätzen zu feilen und zu verbessern. Machen wir uns bald an die Arbeit!“ Und so geschieht es auch.
Nach und nach treffen die anderen Delegationen der Fürsten und Reichsstädte ein. Wenn Verbündete der Reformation ankommen, werden sie gleich in die Gespräche zum gemeinsamen Bekenntnis einbezogen. Es soll ja auch ihre Schrift sein und die Unterschriften der Fürsten und Bürgermeister tragen. Philipp arbeitet unermüdlich. Es kann ja letztlich nur einer sein, der die Anregungen in den Gesprächen zusammenfasst. Er findet die klarsten Worte und gibt so dem Bekenntnis als der Schrift aller lutherisch Gesinnten eine immer noch treffendere Sprache. Zudem schreibt Philipp fast täglich Briefe an Martin in Coburg. Er erkundigt sich auch, wie es ihm dort geht. Zehn Tage sind so schnell vergangen, bis die Schrift jetzt für die Verlesung im Reichstag so gut wie fertig ist. Nach wenigen Stunden ist der Bote mit einer Abschrift an Luther schon unterwegs nach Coburg.

Philipp ist gespannt, was Martin antworten wird. Der schreibt auch umgehend zurück. Er lobt die geleistete Arbeit, hat an der Schrift nichts auszusetzen. Das ist beruhigend. Aber dann schreibt Martin auch, dass er selbst eine heftigere Sprache gewählt hätte. Philipp liest den Satz zweimal: ‚Ich könnte nicht so sanft und leise treten‘. Soll er sich darüber ärgern? Nein, das ist ja sein Markenzeichen, dass er auch scharfe Gedanken in höflichen Sätzen zum Ausdruck bringen kann. Die anderen schmunzeln, als Philipp ihnen den Brief vorliest. „Philipp, es ist gut, dass du unser Schriftführer bist“, sagen sie. Und Philipp denkt sich: ‚Hoffentlich sehen das die Lutherfreunde bei unseren Verbündeten auch so und verwechseln nicht Höflichkeit mit zu großer Nachgiebigkeit‘.

Wenn Philipp an die folgenden Tage denkt, stehen seine Aufgaben wie ein großer Berg vor ihm. Auch der Kaiser ist inzwischen eingetroffen, und je näher der Tag der Verlesung rückt, desto emsiger wird das Feilschen an einzelnen Aussagen der Bekenntnisschrift. Je mehr Reichstagsmitglieder anreisen, desto mehr schwirren die Gerüchte und Vermutungen und auch noch Änderungswünsche an den Schriftführer Philipp Melanchthon heran. Der hat kaum mehr Zeit zum Essen und zu ausreichendem Schlaf. Die einzige Unterbrechung, die er sich noch gönnt, ist die, wenn Studienfreunde und Bekannte aus früheren Jahren ihn in seiner Herberge besuchen. Besonders herzlich begrüßt er seinen alten Freund Johannes Brenz aus der Reichsstadt Schwäbisch Hall, den er seit bald 20 Jahren kennt. Mit ihm geht er ganz zuletzt noch die Bekenntnisschrift durch, und dann ist es soweit. Am 25.Juni, einem heißen Sommernachmittag um 14 Uhr wird sie vom kursächsischen Kanzler Brück mit lauter Stimme vor dem Kaiser und der ganzen Versammlung in deutscher Sprache vorgelesen. Die Fenster sind wegen der Hitze weit offen und im Hof lauscht eine große Menschenmenge der Verlesung. Aber Philipp ist nicht dabei. Er ist zu erschöpft. Jetzt erst, als alles fertig ist, überfällt ihn große Müdigkeit. Und zugleich ist er so aufgeregt, dass er gar nicht schlafen kann. Zu seiner Freude ist er nicht allein. Johannes Brenz ist bei ihm in der Herberge geblieben. Und weil in den letzten Tagen wichtige Nachrichten liegengeblieben sind, so sitzen die beiden am Tisch und helfen einander beim Schreiben von Briefen, die nicht länger warten dürfen.

Philipp weiß auch, dass die Hauptarbeit jetzt erst anfängt. Nach der Verlesung beginnen die Verhandlungen mit den Altgläubigen. Wo kann er ihnen Zugeständnisse anbieten, ohne das reformatorische Bekenntnis zu verraten? Gleich morgen wird er dem Reichskanzler, dem Erzbischof Albrecht von Mainz ein Gesprächsangebot unterbreiten. Auch dem päpstlichen Gesandten Campeggio wird er schreiben. Über die Heiligenverehrung und die Gottesdienstgestaltung wird man reden können. Aber dass die Heilige Schrift der gültige Maßstab für den Glauben sein und bleiben muss, daran wird er auch bei allen freundlichen Worten nicht rütteln lassen. Zu Johannes meint er: „Die erste Aufgabe ist geschafft. Mit den vielen Unterschriften am Ende der Schrift ist die Einheit im Lager der Lutheranhänger gesichert. Aber die zweite ist noch viel schwieriger. Jetzt müssen wir mit unseren katholischen Gesprächspartnern die Bekenntnisschrift Satz um Satz auf mögliche Gemeinsamkeiten absuchen und Sätze finden, zu denen beide Seiten ja sagen könnten. Das muss dann auch wieder den eigenen Leuten zur Prüfung vorgelegt und um Zustimmung geworben werden. Ob wir jemals damit fertig werden? Und ob er überhaupt gelingen kann, jemals wieder zur Einheit aller Christen zurückzufinden? Ich wünsche es so sehr um des Friedens willen, aber es sieht nicht gut aus. Aber dann wäre alle Arbeit umsonst“. „Nein“, widerspricht ihm Johannes heftig. „Auch das erste Ziel, das du erreicht hast, ist schon etwas ganz Besonderes: Ein gemeinsames Bekenntnis aller evangelisch gesinnten Länder und Städte! Das ist wie ein Band, das alle Evangelischen zusammenhält. Und das haben wir dir, Philipp Melanchthon, zu verdanken. Vergiss das nie!“

 

Gesprächsanregungen

  • Über einem nicht erreichten zweiten Ziel kann man oft leicht die Freude über das erreichte erste Ziel verlieren. Kennst du eigene Erfahrungen dazu?
  • Die Wittenberger Theologen haben die schwierige Aufgabe, ein gemeinsames Bekenntnis zu schaffen, Philipp Melanchthon anvertraut. Dazu waren ganz bestimmte Fähigkeiten nötig. Welche hältst du für besonders wichtig?
  • Sich zu einem gemeinsamen Plan zusammenzufinden ist oft eine mühsame Angelegenheit. Was kannst du dazu aus eigener Erfahrung berichten?
  • Philipp hat sich mit voller Kraft seiner Aufgabe in Augsburg gestellt. Was meinst du, ob Zweifel am Gelingen ihn Kraft gekostet haben?
  • Zum vollen Erfolg wurde Philipp Melanchthons Verständigungsarbeit zum gemeinsamen Bekenntnis aller Evangelischen erst viele Jahre später. Manchmal muss man schon viel Geduld haben, bis sich ein Erfolg der eigenen Bemühungen einstellt. Kannst du dazu auch etwas aus deiner eigenen Erfahrung berichten?

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© 2017 Frieder Harz