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    April 2017

 

Johannes Brenz - Reformator Württembergs

Vorüberlegungen

Johannes Brenz wurde 1499 in Weilderstadt geboren. Schon in seiner Schulzeit und vor allem bei seinem Studium in Heidelberg lernte der das Gedankengut des Humanismus kennen. 1518 war er Zuhörer bei Luthers Disputation in Heidelberg, was ihm die Tür zur reformatorischen Theologie öff-nete. 1520 wurde er in Speyer zum Priester geweiht, dann 1522 Stiftsprediger in Schwäbisch-Hall. Dort führte er in behutsamer Weise die Reformation ein. Auch im weiteren Umkreis trug er zum Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens bei. 1529 unterstützte er beim Marburger Gespräch zwischen Luther und Zwingli die lutherische Seite. 1530 reiste er zum Augsburger Reichstag, heiratete im selben Jahr die jung verwitwete Margarete Wetzel. Nur drei der sechs in dieser Ehe geborenen Kinder überlebten ihren Vater.

Mit der Niederlage der evangelischen Fürsten gegen den Kaiser 1547 wendete sich das Blatt der begonnenen Reformation. Spanische kaiserliche Truppen besetzten auch Schwäbisch-Hall. Brenz musste fliehen, konnte aber bald darauf wieder zurückkehren und wurde ein Wortführer des Protests gegen die vom Kaiser verordnete Rekatholisierung des Landes. 1548 musste er endgültig flüchten, als der Kaiser ein Kopfgeld auf sein Ergreifen aussetzte. Er musste seine Kinder und seine sehr kranke Frau zurücklassen, die noch im selben Jahr an Schwindsucht starb. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er über den Schwarzwald und Straßburg nach Basel, wo er freundlich aufgenommen wurde und auch den württembergischen Thronfolger Prinz Christoph kennenlernte.

Als der 1550 die Regentschaft übernahm, machte er es sich in den folgenden Jahren zur Aufgabe, eine Neuordnung der Reformation im Land, gewissermaßen eine zweite Reformation durchzuführen. Er holte Brenz als Propst der Stiftskirche nach Stuttgart, ernannte ihn zum herzoglichen Rat und bestimmte ihn so zum einflussreichen geistlichen Leiter der württembergischen Kirche.
Kindern bietet die Erzählung Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen und bringt ihnen im biografischen Gewand der Erzählung Kenntnisse zur Reformationsgeschichte näher:

  •  Zuerst ist es das sich Wohlfühlen im eigenen Haus, sind es Erfolge des Johannes Brenz in seiner beruflichen Tätigkeit, die ihn weit über Schwäbisch-Hall hinaus bekannt machten. Sie gewinnen am Beispiel dieser Stadt auch Vorstellungen davon, wie Reformation vor Ort geschah, wie Meinungsbildung in der Bevölkerung zusammen mit entsprechenden Entscheidungen der Regierenden von theologisch geschulten Pfarrern vorangebracht und umgesetzt wurden.
  • Kinder erleben auch das Bedrückende der Flucht mit: die dabei verbundene Todesangst; die Trennung von der Familie; das Zerbrechen des Geschaffenen. Wie da biblische Worte trösten und aufrichten können, wird ihnen am Verhalten von Brenz anschaulich.
  • Und dann öffnet sich ihnen endllich erneut und noch größer die Perspektive des Gelingens. In Andeutungen zeichnet sich die Entstehung einer evangelischen Landeskirche ab, von der auch ein Sprung in die gegenwärtige kirchliche Landschaft möglich werden kann.
  • In der Erzählung sind in erdachte Szenerien samt dem Wortlaut ihrer Dialoge historisch belegbare Details eingebracht und gebündelt.

Erzählung – Teil 1: Johannes Brenz setzt sich für die Reformation in Schwäbsich Hall ein

Ehemaliges Pfarrhaus von Johannes Brenz, heute Dekanatamt

„Margarete, ich bin wieder da!“ ruft Johannes, als er nach einer langen Reise endlich wieder sein Pfarrhaus in Schwäbisch-Hall betritt. Seine Frau hat schon an den Schritten bemerkt, dass jemand zur Haustür gekommen ist. Aber als sie die Stimme von ihrem Johannes hört, lässt sie alles liegen und stehen, kommt und umarmt ihn stürmisch. „Endlich bist du nach den langen Wochen wieder zurück aus Augsburg“, ruft sie. „Ich hab dich so vermisst!“ „Und ich erst“, ruft der. „Jetzt sind wir erst ein paar Monate verheiratet, und schon ist es mir so fremd, ohne dich zu sein. Zehn Jahre war ich unverheirateter Priester, so wie es die alte Kirchenlehre vorschreibt. Aber seit ich dich zur Frau habe, ist das schon in weite Ferne gerückt“.

Als sie dann in der guten Stube beisammen sitzen, fragt er: „Sag mal, regen sich die altgläubigen Ratsfamilien immer noch auf, dass wir geheiratet haben?“ Margarete antwortet: „Ja, einige schon. Aber die meisten in unserer Stadt sind froh und dankbar für den frischen Wind, den du mit Luthers neuer Glaubenslehre in unsere Stadt gebracht hast. Immer wieder bin ich darauf angesprochen worden. Viele sind sehr froh darüber, dass du die Veränderungen behutsam und Schritt für Schritt eingeführt hast. So konnte man sich nach und nach gut daran gewöhnen. In deinen Predigten hast du freundlich um Verständnis für das Neue geworben. So haben es die Leute auch gut verstanden, dass wir direkt zu Gott beten können und nicht mehr die Heiligen dazu brauchen; auch dass man nicht mehr ins Kloster gehen muss, um ein besonders guter Christ zu sein.“

„Gut“, wendet Johannes ein, „mit dem Abt das Barfüßerklosters gab es ja schon einen heftigen Streit, der erst endete, als das Kloster geschlossen wurde“. Margarete unterbricht ihn: „Aber auch ehemalige Gegner deiner Predigten freuen sich jetzt, wenn sie am Kloster durch die offenen Fenster hören können, wie die Jungen und Mädchen Unterricht haben, wie sie die neuen Lieder singen. Ich höre besonders gern zu, wenn sie aus deinem Katechismus die Fragen und Antworten laut gemeinsam aufsagen, damit sie sich die Sätze besser merken können. Aber jetzt erzähl endlich, wie es dir in Augsburg ergangen ist! Hast du deinen alten Freund Philipp Melanchthon getroffen?“

„Natürlich“, antwortet Johannes. Gemeinsam haben wir zum Schluss noch an seinem großartigen Augsburger Bekenntnis gefeilt. Aber ich habe auch andere alte Freude aus der Heidelberger Studienzeit getroffen. Zwölf Jahre sind es her, seit wir damals Martin Luther hören konnten, seit wir ihn in seiner Herberge besucht und noch die halbe Nacht über seine neuen Gedanken zum christlichen Glauben gesprochen haben. Das war alles wieder so nah, als ob es gestern gewesen wäre“.

Dann senkt er plötzlich die Stimme und sagt nachdenklich: „Es sieht aber nicht gut aus mit der Reformation. Der Kaiser hat Melanchthons Bekenntnissätze abgelehnt und verboten. Und wenn die altgläubigen Fürsten dieses Verbot auch in unseren evangelischen Gebieten durchsetzen wollen, droht Krieg. Ich weiß dann nicht, wie es mit uns weitergehen soll“.

„Aber jetzt bist du da“, wendet Margarete ein, „und es warten allerhand Aufgaben auf dich. Es hat sich wohl schon herumgesprochen, dass du wieder auf der Heimreise bist. Es haben sich Besucher angekündigt. Sie möchten von dir lernen, wie man den Übergang vom alten zum neuen Glauben so gut durchführen kann, wie du es bei uns in Schwäbisch-Hall getan hast. Also“, sie greift zu einem Papier, „Räte der Reichsstädte Ulm und Eßlingen haben um Gespräche mit dir gebeten“. Johannes ergänzt: „In Augsburg habe ich auch wieder mit Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach gespro-chen. Der möchte gerne, dass ich ihm dabei helfe, eine Kirchenordnung für sein Herrschaftsgebiet zu erstellen. In ihr soll alles geregelt sein, was sich inzwischen verändert hat: Von der Gestaltung der Gottesdienste bis zu den Schulen, von der Sorge für die Armen und Kranken bis zu den Steuern, die dafür erhoben werden - und so weiter“. „Viel Arbeit wartet da auf dich“, meint Margarete. Und Johannes erwidert: „Ich berichte gerne von dem, was bei uns gut gelungen ist. Ich bin so froh und dankbar, dass Gott mir die Kraft gegeben hat, all das auf den Weg zu bringen, mit dem aus unserer freien Reichsstadt Hall nun eine evangelische Stadt geworden ist“. Dann seufzt er und sagt leise: „Gebe Gott, dass es so bleiben und weiter wachsen kann“.

 

Gesprächsanregungen

  • Manche Leute in Hall werfen Johannes Brenz vor, dass er mit seiner Heirat seinen Priestereid, immer ehelos zu bleiben, gebrochen hat. Wie soll Margarete darauf antworten?
  • Johannes begründet seine Entscheidung mit der Bibel: „Es ist nicht gut, dass der Mensch al-lein sei. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ (1. Mose2,18). Kann Johannes mit diesem Bibelwort wirklich den Bruch seines Priesterversprechens begründen?
  • Johannes Brenz hat sich Zeit gelassen mit der Einführung der Reformation in Hall. Jahrelang gab es sowohl katholische als auch evangelische Gottesdienste in der Stadt. Wäre es besser gewesen, die Reformation in einem Zug durchzuführen? Begründe dein Urteil.
  • Aus dem Kloster wurde eine Schule, in der die Kinder auch viel über den neuen Glauben lernten. Wie konnten sie wohl Johannes Brenz bei der Einführung der Reformation in der Stadt helfen?
  • Reisen waren in der damaligen Zeit sehr anstrengend. Und zuhause wartete neue Arbeit auf Johannes. Trotzdem hat er dies alles sehr gerne getan. Was meinst du, warum?

 

Erzählung – Teil 2: Auf der Flucht

Fünfzehn Jahre später ist alles ganz anders. Zwar freut sich Johannes über seine Kinder, aber Margarete ist nicht recht gesund. Und in ganz Deutschland steht es schlecht um die Reformation. Die evangelischen Fürsten haben einen Krieg gegen die Soldaten des Kaisers verloren. Jetzt hat der Kaiser die Macht, mit Gewalt die evangelische Lehre zu verbieten. Das spüren auch die Menschen in Schwäbisch-Hall.

An einem sonnigen Junitag im Jahr 1548 breitet sich in der Stadt in Windeseile eine Schreckensnachricht aus: „Spanische Soldaten, die im Dienst des Kaisers stehen, sind wieder auf dem Weg und wollen unsere Stadt besetzen!“ Jeden Tag treffen sich besorgte Bürger im Pfarrhaus und besprechen, was zu tun ist. Stadtrat Isenmann meint: „Vor zwei Jahren, als die Soldaten schon einmal unsere Stadt besetzt haben, ist es uns ja gelungen, den Kaiser zu besänftigen. Aber jetzt“, und er wendet sich Johannes Brenz zu, „sieht es anders aus. Der Kaiser ist erzürnt, dass Ihr trotz seiner Verbote am evangelischen Glauben festgehalten und sogar auch andere dazu ermuntert habt. Ich fürchte, er hat es jetzt ganz persönlich auf Euch abgesehen. Er will Euch vernichten“.

Mit erschrockenen Gesichtern wenden sich die anderen Isenmann und Brenz zu. Margarete schluchzt auf: „Morgen wollen wir doch den 49. Geburtstag von Johannes feiern. Was sollen wir da noch überhaupt feiern können? Was soll aus den Kindern und aus mir werden? Mein Husten und die Schmerzen in meiner Lunge machen mich ständig schwächer. Was soll aus uns werden?“ Isenmann beruhigt sie: „Es muss ja nicht gleich zum Schlimmsten kommen“. Mit ratlosen Gesichtern verlassen die Gäste am Abend das Pfarrhaus.

Auch am nächsten Tag sind alle in gedrückter Stimmung. Die Soldaten des Kaisers sind in der Stadt. Sie sollen darüber wachen, dass sofort und vollständig alles Evangelische in der Stadt wieder abge-schafft wird: vom Gottesdienst bis zu den Schulen, die wieder Klöster werden. Johannes sagt, als Gäste ihm zum Geburtstag gratulieren wollen: „Es wird mir so schwer ums Herz, wenn ich daran denke, wie nun mit Gewalt alles wieder abgeschafft wird, was wir hier mit Gottes Hilfe im Frieden aufgebaut haben“.

Am Abend klopft es heftig an der Pfarrhaustür. Johannes öffnet sie, Stadtrat Isenmann tritt außer Atem ein und ruft: „Johannes Brenz, Ihr müsst fliehen. Sonst werdet Ihr heute noch gefangen ge-nommen und zum Kaiser gebracht. Und dann wartet der Scheiterhaufen auf Euch! Flieht ohne Zö-gern, es kann jede Minute zu spät sein!“ Da nimmt Johannes nur noch schnell das Allernötigste in die Hand, kann sich nicht mal mehr von seiner Familie verabschieden und verlässt heimlich die Stadt. Dunkel wird es auf seinem Weg in die Nacht hinein und dunkel wird es auch in ihm. Er macht sich so große Sorgen um seine kranke Margarete. Wer wird für sie und die Kinder sorgen? Und dann denkt er auch an all das, was er als lutherischer Pfarrer in Hall auf den Weg gebracht hat. Auch auf diesem Weg wird es jetzt dunkel werden. Immer wieder spricht er den Psalmvers vor sich hin: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“(Psalm 27,1) An diesen Worten hält sich mit seinem ganzen Herzen fest.

Noch in der Nacht und auch in den folgenden Tagen findet er Unterschlupf bei Freunden in der Umgebung, die ihn nicht verraten. Sie sagen zu ihm: „Der Kaiser hat der Person, die Dich verrät, eine Belohnung versprochen. Auf uns kannst du dich verlassen, aber lange kannst du auch bei uns nicht bleiben. Es ist zu gefährlich. Wir werden aber dafür sorgen dafür, dass deine Familie in Sicherheit ist“. Mit geheimen Nachrichten erreichen sie, dass Margarete mit den Kindern auch zu dem Versteck kommen. Aber nur kurz können sie beisammen bleiben. Dann muss Johannes allein weiterziehen. Wieder heißt es Abschied nehmen. Ob er jemals Margarete wiedersehen wird, weiß er nicht. Nach etlichen Wochen auf der Flucht erfährt er, dass seine Familie in das Pfarrhaus zurückkehren konnte und dass der Rat der Stadt für sie sorgen wird. Das beruhigt ihn. Doch bald danach folgt eine schlimme Nachricht: Margarete ist an ihrer Krankheit gestorben. Wieder wird es ganz dunkel in ihm, wieder klammert er sich an den Vers „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“

Auf abenteuerlichen Wegen durch den Schwarzwald und über die Landesgrenze in die Schweiz ist er erst in der großen Stadt Basel in Sicherheit und findet dort freundliche Aufnahme. Er ist gerettet und dafür dankt er Gott. Aber was er hinter sich lassen musste, das macht ihm auch weiter das Herz schwer.

Gesprächsanregungen

  • Hätte sich Johannes Brenz nach dem Verbot des Kaisers ruhiger verhalten sollen, um nicht dessen Zorn auf sich zu ziehen?
  • Wie kann man sich an Worten aus der Bibel mit seinem Herzen festhalten?
  • Wie kann Gott ein Licht auf dem Weg sein?
  • Wenn einem kaputt gemacht wird, was man mit viel Liebe geschaffen hat, dann ist das sehr schlimm. Kannst du dazu auch etwas von dir erzählen?

 

Erzählung – Teil 3: Neue Aufgaben für Johannes Brenz

Mit neugierigen, offenen Augen wandert Johannes durch die große Stadt, die viel größer als seine Heimatstadt Hall ist. Hier hat sein früherer theologischer Lehrer von der Universität Heidelberg, Johannes Oekolampad vor Jahren die Reformation eingeführt. Erinnerungen an seine Studienjahre und das Zusammensein mit den Freunden werden wach. Damals hatten sie miteinander auch die Schriften des hochberühmten Philosophen Erasmus von Rotterdam gelesen. Hier in Basel hat er wichtige Jahre seines Lebens verbracht. Johannes macht einen Besuch in der Druckerei, in der Erasmus seine Bearbeitung des griechischen Neuen Testaments drucken ließ. Es ist das Buch, mit dem sie alle die Bibel studiert haben. Ehrfürchtig nimmt er es in die Hand und blättert. Dann geht er weiter durch die Straßen und Gassen mit den erhabenen Häusern der Handwerkerzünfte. Dazu kommen die herrschaftlichen Gebäude der Kaufmannsgilden und -familien. Sie erinnern ihn an ähnliche Hauser, die er schon in Augsburg bewundert hatte. Unten am Rheinufer haben die Handelsleute ihre Lagerhäuser. Dort ist emsiges Treiben beim Be- und Entladen der Lastkähne.

Jetzt wendet sich Johannes zum Münster hin. Dort will er das Grab von Johannes Oekolampad besuchen. Aber als er die Kirche betritt, erschrickt er. Seltsam kahl sieht es in ihr aus, keine Bilder, keine Figuren – ganz anders als in seiner Michaelskirche in Hall. Es sieht aus, als ob Räuber eingedrungen und alles mitgenommen hätten. Vom Kirchendiener erfährt er, dass vor gut zwanzig Jahren viele reformatorisch gesinnte Bürger mit Gewalt die Stadt evangelisch machen wollten. Keine Heiligenbilder und Statuen sollten an die früheren Zeiten erinnern und wurden entfernt. Altgläubige Priester und Stadträte mussten die Stadt verlassen. Johannes muss wieder an seine Stadt denken. Was hier in Basel mit Gewalt evangelisch wurde, das wird jetzt in Hall mit Gewalt wieder katholisch. Er hatte doch auf friedliche Weise so viel bewegt und in Gang gebracht. Johannes erzählt dem Kirchendiener noch, dass es auch in Städten in seinem eigenen Land vor zehn Jahren so einen Streit um die Bilder gegeben hat. ‚Götzenbilder‘ haben Leute solche Kirchenbilder genannt. Auf Befehl des eigenen Herzogs wurde Vieles in Kirchen zerstört. Er mag gar nicht daran denken.

Zum Glück kommt er am Abend auf andere Gedanken. Der Sohn seines württembergischen Herzogs Ulrich, Prinz Christoph ist auch für einige Zeit in Basel untergekommen und hat ihn für heute zum Gespräch eingeladen. Johannes ist gespannt, was er ihm zu sagen hat. Hoffentlich sind es nicht nur Klagelieder über die spanischen Soldaten des Kaisers, die in der Heimat schon so viel Schaden angerichtet haben. Davon ist zunächst auch die Rede, aber dann sagt der Prinz: Lasst uns von Besserem reden, Pfarrer Brenz. Die Zeiten ändern sich. Mein Vater hat geschickt mit dem Kaiser verhandelt, die Soldaten werden bald ganz unser Land wieder verlassen. Bald wird mein Vater mir die Regierungsgeschäfte übertragen. Und dann habe ich eine große Aufgabe für Euch“. Johannes spitzt die Ohren und kann gar nicht erwarten, was Prinz Christoph jetzt sagen wird. Der fährt fort: „Ihr habt so segensreich in Hall und der ganzen Umgebung gewirkt. Ihr habt zusammen mit anderen gute Kirchenordnungen geschaffen, nicht nur für Hall, sondern auch für andere Städte, ja sogar für das Land des Markgrafen Georg. So etwas sollt ihr bald für das ganze Herzogtum Württemberg tun“.

In Johannes Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander. Der künftige Herzog spricht weiter: „In den zurückliegenden Jahren ist in den Glaubensangelegenheiten so manches in Unordnung geraten. Das soll nun im Sinne der lutherischen Lehre ein einheitliches Gesicht bekommen“. Johannes fragt zurück: „Und wie soll das geschehen?“ Christoph nimmt die Frage auf und antwortet: „Wenn ich die Regentschaft angetreten habe, werde ich Euch bald nach Stuttgart holen. Ihr werdet dann so etwas wie ein evangelischer Bischof sein“. Johannes zuckt zusammen und murmelt verlegen: „Weder eine Priesterweihe noch eine Bischofsweihe ist nach lutherischem Verständnis vorgesehen“. Christoph legt ihm beruhigend die Hand auf die Schulter; „Das ist klar. Ihr sollt der erste Pfarrer in meinem Herzogtum sein. Ihr sollte die Gemeinden mit ihren Pfarrern beraten, auch für gute Ausbildung sorgen. Ich werde Euch zum herzoglichen Rat ernennen und Ihr werdet so etwas wie ein Minister in Kirchenangelegenheiten sein. Ihr sollt nicht über die Pfarrer und Gemeinden herrschen, sondern ihnen dienen, guten Rat geben - auf sie hören, nicht zum Gehorsam zwingen. So wie ihr ein Glaubensbüchlein für die Kinder geschaffen habt, soll es auch Schriften für die Erwachsenen geben, die ihnen zeigen, worauf es in unserem Glauben ankommt“. Jetzt spricht Johannes weiter: „Nachdem die Klöster endgültig aufgelöst sind, müssen sie in gute Schulen umgewandelt werden. Das ganze Schulwesen muss neu geregelt werden“. Er weiß jetzt, wo und wie er mit seinen Haller Erfahrungen anknüpfen und sie auf die neuen und noch viel größeren Aufgaben übertragen kann.

Doch dann fällt ein Schatten auf seine sprühenden Ideen: Was soll mit seinen Kindern sein? Der Prinz spürt die Sorgen seines Gegenübers, fragt nach und beruhigt Johannes dann: „Bis der Kaiser wirklich sein Versprechen eingelöst hat und Ihr euch wieder gefahrlos und frei im Land bewegen könnt, helfe ich Euch, unerkannt in unser Land zurückzukehren und möglichst nahe bei Euren Kindern zu sein. Im Schwarzwald seid Ihr auf der Burg Hornberg gut versteckt“. Dann schmunzelt er noch und sagt: „Wie Martin Luther damals auf der Wartburg seid ihr dann Johannes Brenz auf der Hornburg. Aber die Bibel braucht ihr dort nicht mehr zu übersetzen, das hat ja schon Luther getan. Aber Ihr könnt dann gerne schon damit beginnen, all das in gute Worte zu fassen, was den Gemeinden im ganzen Land eine gute Hilfe sein kann“.

Gesprächsanregungen

  • Kann man mit Gewalt etwas Gutes erreichen? Was hätte wohl Johannes Brenz darauf geantwortet? Was würdet ihr dazu sagen?
  • Die ‚Bilderstürmer‘ in Basel begründeten ihre Tat mit dem ersten Gebot der Bibel: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Lässt sich damit das Zerstören von Heiligenfiguren und –bildern in den Kirchen begründen? Was ist wohl der Sinn dieses Gebots?
  • Nach dem Abendgespräch mit Prinz Christoph konnte Johannes Brenz zuerst gar nicht ein-schlafen. Zu viel ging ihm im Kopf herum. Was war es deiner Meinung nach wohl?
  • Am nächsten Tag schrieb er die neuen Aufgaben der Reihe nach auf den Zettel. Welche würdest du an die ersten Stellen setzen?

Verwendete Literatur

Eva-Maria Bachteler und Petra Ziegler: Auf zur Reformation. Selbstbewusst, mutig, fromm – Frauen gestalten Veränderung. Verlag und Buchhandlung der Evang. Gesellschaft Stuttgart 2016.
Alfred Brecht: Johannes Brenz. Der Reformator Württembergs. Quell Verlag Stuttgart 1949.
Irene Dingel und Volker Leppin (Hg): Das Reformatorenlexikon. Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt 2016.
 

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© 2017 Frieder Harz