Johannes Calvin – der französische Reformator

Vorüberlegungen


Johannes Calvin ist die wichtigste Reformatoren-Persönlichkeit der zweiten Generation. Er wurde 1509 geboren und ist damit 26 Jahre jünger als Martin Luther. Eigentlich müsste von ihm als Jean erzählt werden, aber in der deutschen Literatur wird er Johannes oder Johann genannt. Seine Wirkung liegt weniger in seiner persönlichen Ausstrahlung, sondern vielmehr in seinen Schriften, in denen er mit klaren, präzisen Gedanken brilliert und so das Tor geöffnet hat zur reformatorischen Bewegung des Calvinismus, der sich über Frankreich (die Hugenotten), Niederlande, auch in England und Übersee ausgebreitet hat und weitreichender als das Luthertum geworden ist. In Deutschland unterscheiden sich calvinistisch geprägte evangelisch-reformierte von evangelisch-lutherischen Gemeinden. In evangelisch-unierten Kirchen wurde schon vor Jahrhunderten diese Trennung überwunden. Heute sind alle unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vereint.

Die Erzählung zeichnet in groben Zügen Calvins Lebensweg nach und konzentriert sich auf dessen zahlreiche Ortswechsel bis hin zum zweiten und endgültigen Aufenthalt in Genf. Die Dialoge, in denen Calvins Wirken erzählerisch zugänglich wird, sind in Anlehnung an die historischen Ereignisse erdacht. Von seiner Frau Idelette van Buren ist nur wenig bekannt. Nach nur achtjähriger Ehe ist sie nach schwerer Krankheit verstorben, wie auch das einzige eigene Kind. Calvin hat selbst bezeugt, wie sehr er sie geliebt hat. Ihr zu Ehren ist ihr die Rolle einer kritischen und ermutigenden Gesprächspartnerin beim zweiten Genfer Aufenthalt zugedacht, auch ein angedeuteter Ausblick auf das Weiterwirken von Calvins reformatorische Botschaften im Calvinismus. In Idelettes Äußerungen klingt auch an, was Calvin in späterer Zeit oft in Verruf gebracht hat: strenge Kirchenzuchtmaßnahmen, gipfelnd in der Verurteilung des Flüchtlings Servet durch die Genfer Stadtregierung zum Tod, weil er die Dreieinigkeit Gottes geleugnet hatte. Da dieses Ereignis sechs Jahre nach Idelettes Tod stattfand, wird es in der Erzählung nicht berücksichtigt. Calvin starb in Genf 1564 im Alter von 55 Jahren.

Nur kurz gestreift werden seine Kontakte zu Luther und Melanchthon, die ihm deutliche Wertschätzung entgegenbrachten. Nur angedeutet ist auch seine Abendmahlslehre, mit der er zwischen Lutheranern und Zwinglianern zu vermitteln suchte. Das gilt auch für seine Theologie, die von der Ehre Gottes in dessen unfasslichen Größe ausgeht - von dem großen Gott, der sich in Jesus Christus und dem Wort Gottes den menschlichen Erkenntnisbedingungen angepasst hat. Ausgeklammert bleiben auch seine Prädestinationslehre, also der göttlichen Vorherbestimmtheit aller menschlichen Entscheidungen und deren Folgen, die dann wesentlich in den nachfolgenden Strömungen des Calvinismus ausgearbeitet wurden. Calvins Hauptwerk ist die „Institutio“, die in vielen Bearbeitungen und Erweiterungen zu einem umfänglichen Kompendium anwuchs.

 

Erzählung

In Paris

„Gehst du auch mit zur Fastenpredigt des Gerard Roussel“, fragt Nikolas Cop seinen Freund Johannes Calvin, als sie miteinander eines der Gebäude der Universität von Paris verlassen. Johannes nickt und antwortet: „Gerne! Seit Gerard in unserer Stadt ist, wacht das Interesse der Pariser an der evangelischen Lehre so richtig auf. Meinst du, ob er Schwierigkeiten mit dem König bekommt? Der hat bestimmt kein Interesse daran, dass es in der Stadt unruhig wird?“ Nikolas erwidert: „Ich glaube kaum. In unserer Königin Margarethe von Navarra haben wir eine wichtige Fürsprecherin“. Johannes wendet ein: „Ist sie auch stark genug gegen die Macht der theologischen Gelehrten unserer Universität? Die halten ja beharrlich am Alten fest!“ „Wir werden sehen“, antwortet Nikolas dem Freund. Wir sollten nicht zu ängstlich sein“.

Nach der Predigt treffen sich Freunde von Nikolas in einer ihrer Wohnungen. Da Johannes zum ersten Mal dabei ist, stellt Nikolas ihn vor: „ Johannes Calvin stammt aus Noyon. Er hat hier in Paris bereits etliche Jahre als Schüler und Student im bekannten Kolleg Montaigu verbracht. Zuerst begann er mit dem Theologiestudium, denn er war schon zum Kaplan von Noyon bestimmt. Aber dann hat es ihn zur Rechtswissenschaft hingezogen. Deshalb wechselte er nach Orléans, wo die besten Rechtsprofessoren lehren. Er ist kein Theologe, aber er steht voll auf der Seite der Reformation. Er ist außerdem ein sehr kluger Kopf, den wir für unsere Bewegung des neuen Glaubens gut gebrauchen können“. Johannes wehrt bescheiden ab, aber Nikolas beharrt auf seinem Lob.

Einer aus der Runde meldet sich zu Wort: „Johannes, wir kennen uns doch aus unserer früheren Zeit am Kolleg! Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein, also um 1522. Damals waren die ersten Schriften von Luther und Melanchthon im Umlauf und wir haben sie begierig gelesen“. Er hält kurz inne und fährt dann fort: „Aber das hat damals bei dir noch keine besondere Wirkung gehabt“. „Das stimmt“, antwortet Johannes. „Es liegt mir zwar nicht, von mir zu erzählen und mich damit wichtig zu machen, aber ein paar Sätze will ich dennoch dazu sagen. In Orléans habe ich gelernt, die für die Rechtsprechung verwendeten Gesetze auf ihren Ursprung im Römischen Recht zu überprüfen. Was war ihre ursprüngliche Bedeutung? Wie und warum hat man sie verändert? Es war für mich wie bei einer Ausgrabung, wenn man Schicht um Schicht das darüber Gewachsene abträgt, um zum wertvollen Gegenstand selbst zu kommen. So ist es nämlich auch bei den Rechtssätzen: der eine versteht sie so, der andere anders. Man muss den Ursprung suchen, um kennenzulernen, was der anfängliche Sinn war“.

Nach einer kleinen Pause spricht er weiter: „Und dabei ist mir klar geworden, dass es mit der Bibel genauso ist. Die wurde von ihrer Ursprache hebräisch und griechisch ins Lateinische übersetzt, jede Zeit hat jeweils neue Auslegungen hervorgebracht und oft den ursprünglichen Sinn verdeckt haben“. Die Freunde hören aufmerksam zu und einer fragt: „Kannst du uns dazu ein Beispiel geben?“ Johannes antwortet: „In der Predigt Johannes des Täufers sagt der: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘. Im Laufe der Zeit wurde Buße aber immer mehr als Bußleistung, also als Strafe für begangene Sünden verstanden. Aus dem Ruf zur Umkehr mit dem Geschenk des Neuanfangs wurde der Ablass, die Zahlung von Geld zur Vermeidung von Höllenstrafen“. Die Zuhörer nicken und Johannes fährt fort: „Mich hat der Weg zu den biblischen Quellen unseres Glaubens fasziniert. Als der berühmte Gelehrte Erasmus von Rotterdam das Neue Testament in seiner griechischen Ursprache neu erarbeitet hatte, da habe ich Griechisch gelernt, um alles in diesem Bibelbuch so gut wie möglich vom Ursprung her zu verstehen und zu überprüfen, was daraus geworden ist“. Der Bekannte aus früheren Jahren sagt dazu: „Lieber Johannes, du warst ja schon damals ein richtiger Bücherwurm und hast dich in großem Eifer in Texte vergraben“.

Einige Monate später sitzen Johannes und Nikolas in dessen Studierzimmer beisammen. Der Freund ist beauftragt worden, die feierliche Rede am Allerheiligentag, also die Rektoratsrede, zu halten. Johannes sagt: „Dass du mich ausersehen hast, dir beim Verfassen der Rede zu helfen, das ist mir eine große Ehre!“ Nikolas erwidert: „Deine Bescheidenheit ehrt dich. Ich kenne niemanden sonst, der so klar und verständlich in einfachen Worten Bedeutungen erklären kann. Gerade wenn es um den Glauben geht, ist das etwas sehr Wertvolles und Wichtiges. Ich bin mir sicher, dass du damit noch vielen Menschen eine Hilfe sein wirst“.

Tage später ist es soweit. Nikolas tritt ans Pult und spricht von der Bedeutung des reformatorischen Glaubens für die Zukunft der Kirche. Verstohlen blickt sich Johannes um zu den Gesichtern der Zuhörer. Er sieht viele, die mit offenen Mienen aufmerksam den Ausführungen lauschen. In den Reihen der Theologieprofessoren aber sieht er viele abweisende Gesichter, und er ahnt, dass diese Personen sich mit dieser Rede nicht zufrieden geben werden. Tatsächlich tun sie in den nächsten Tagen ihren Unmut kund. Als Johannes und Nikolas wieder einmal beisammen sitzen, hören sie wie Leute mit lauten Rufen vorbeiziehen: „Nikolas Cop muss weg. Er verrät unseren Gauben!“ Ein Freund tritt ein und meldet aufgeregt: „Wir haben gedacht, die Königin kann uns schützen. Aber die Theologieprofessoren haben den König auf ihre Seite gebracht. Es wird gefährlich für uns. Wir sollten so schnell wie möglich die Stadt verlassen, sonst drohen uns hohe Gefängnisstrafen!“ Erschrocken überlegen alle drei, wie es weitergehen kann. Johannes entscheidet, bei einem Freund weit weg in der Stadt Angoulème Schutz zu suchen.

 

Erste Wegstationen: Flucht über Angoulème nach Basel

Wir begegnen Johannes Calvin wieder im Haus des Herrn Du Tillet in Angoulème, nämlich in dessen umfangreicher Bibliothek. Der tritt gerade ein und sagt lachend zu seinem Freund Johannes: „Hoffentlich kann ich meinem Bücherwurm genug Lesefutter bieten!“ Calvin antwortet: „Auf jeden Fall! Und dass ich bei dir so viele reformatorische Schriften finde, ist für mich ein ganz besonderer Gewinn!“ Der Freund erwidert, jetzt aber mit ernstem Gesicht: „Hoffentlich muss ich nicht bald alle diese Schriften vor denen verstecken, die den reformatorischen Glauben in unserem Land auslöschen wollen. Die Lage ist angespannt. Unsere Gegner suchen nur einen Grund, um gegen uns loszuschlagen. Wenn uns vorgeworfen wird, dass wir die alte Ordnung im Land zerstören wollen, wird es für uns gefährlich. Ich habe gehört, dass eine Flugschrift im Umlauf ist, in der die Macht der Bischöfe angeprangert und zur Auflehnung gegen sie aufgerufen wird. Das bereitet mir große Sorgen. So sehr ich dem mit dem Herzen zustimme, so sehr fürchte ich die Verhaftung von Freunden aus unseren Reihen. Dann wirst auch du hier nicht mehr sicher leben können“.

Kurze Zeit danach ist Johannes Calvin erneut auf der Flucht. Jetzt will er Frankreich hinter sich lassen und sucht in der Freien Reichsstadt Basel Schutz. Dort findet er wieder das, was er sucht: „Ruhe und Zeit zum Studieren von Schriften, vor allem der Reformation. Er gewinnt neue Freunde. Von anderen Flüchtlingen erfährt er, wie die Glaubensfreunde in seiner französischen Heimat verfolgt werden. Er ahnt, dass er sein Heimatland wohl für immer verlassen hat.

In einer Runde bereden die Freunde, wie man sich am besten gegen Verfolgungen aus religiösen Gründen schützen kann. „Lieber Johannes“, eröffnet einer das Gespräch, „du hast uns berichtet, wie die Flugschrift einer reformatorischen Gruppe die bestehende Ordnung in Frage gestellt und damit die Gegenwehr der Mächtigen geweckt hat, die sich gegen alle Anhänger der Reformation richtet. Uns machen die sogenannten „Wiedertäufer“ zu schaffen, die unter Berufung auf herausgegriffene Sätze der Bibel das Recht auf Eigentum abschaffen wollen, die Kindertaufe ablehnen und Erwachsene noch einmal taufen. Sie folgen Führern aus ihren Reihen, die sich auf eine Erleuchtung durch den Heiligen Geist berufen, den strengen Gehorsam ihrer Untertanen fordern und die staatliche Ordnung missachten“. Johannes berichtet von eigenen Erfahrungen und erklärt dann: „Wir brauchen eine Schrift, in der mit klaren Worten beschrieben wird, wie wir als reformatorische Christen aus der Bibel als dem Ursprung unseres Glaubens gute Entscheidungen treffen können; was wir von dem, was bisher war, festhalten können und wo wir neue Regeln für unser Zusammenleben brauchen. Wir müssen deutlich zeigen können, wie wir Bewährtes behalten und umsichtig notwendige Veränderungen in den Blick nehmen. Es muss eine Schrift sein, die verständlich erklärt, was unser Eigenes ist und was uns von anderen Christen unterscheidet“. „Sehr gut“, pflichtet einer laut bei. „Mit solch einer Schrift können dann vor allem die Ratsmitglieder in den Städten zusammen mit den Theologen die Reformation auf einen guten Weg bringen“. Johannes nickt. Da zeigt jemand auf ihn und sagt: „Niemand ist für diese Aufgabe besser geeignet als unser Johannes Calvin!“ Der antwortet: „Weil mir Gott die Gabe der klaren Sprache gegeben hat, bin ich bereit, mich dieser Aufgabe zu widmen“.

Wieder vergräbt sich Johannes in die Welt der Bücher, die Welt des Glaubens und der Bibel, wie sie im Lauf der Geschichte immer wieder neu verstanden wurde. „Institutio“ nennt er das Büchlein, das so entsteht. Es ist eine Richtschnur für das Leben als Christ in der Gemeinschaft mit allen anderen, auf der Grundlage der Heiligen Schrift. Er ahnt noch nicht, dass er mit diesem Buch berühmt werden wird, dass er es mit seinen eigenen jeweils neuen Erfahrungen immer wieder weiterschreiben, dass es sein wohl wichtigstes Buch werden wird.

Als einer der Baseler Freunde Johannes in seiner Studierstube besucht, erlebt er einen anderen Calvin. Ruhelos wandert der im Zimmer hin und her. Die Bücher sind zugeklappt, die Schreibfedern in der Schublade verschlossen. „Ich muss weiter“, erklärt er seinem Freund, „Ich muss neue Erfahrungen sammeln, nicht nur aus Büchern, sondern wie das Zusammenleben der Christen in der Stadt gut gelingen kann“. „Und dazu ist dir wohl Basel nicht gut genug?“ fragt der Freund zurück. „Setz dich hin“, antwortet Johannes, „ich will es dir erklären. Es setzt sich auch und beginnt nach einer kleinen Pause: „Wir alle haben von Martin Luther und seinen Freunden und Mitarbeitern sehr, sehr viel gelernt. Wir sind jetzt im Jahr 1536, der berühmte Thesenanschlag von Wittenberg ist fast schon zwanzig Jahre her, und viel ist seither geschehen. In den evangelischen Gebieten in Deutschland sind die Bischöfe abgesetzt worden. Die Fürsten selbst haben diese Aufgabe übernommen, die Wege der Kirchen und Gemeinden in gute Bahnen zu lenken. Aber wie das im einzelnen geschehen soll, das hat er zu wenig geregelt. In unseren Freien Reichsstädten in Basel, Straßburg, Genf, in Konstanz, Ulm, Augsburg und anderen in Süddeutschland haben die Räte der Stadt, meist Personen aus den angesehensten Familien, diese Aufgaben übernommen. Aber wie weit sollten sie über die inneren Angelegenheiten der Gemeinden bestimmen dürfen? Sollten sie etwa festlegen, wie oft und wie das Abendmahl gefeiert wird? Sollen wechselnde Mehrheiten in den Räten beschließen, ob die Reformation eingeführt oder wieder abgeschafft wird? Soll das religiöse Leben in der Stadt davon abhängen, ob man sich mit dem katholischen Nachbarfürsten gut stellen muss? Wie sehr können die Bürger unserer Städte zur christlichen Nächstenliebe verpflichtet werden? Da müssen klare Regelungen her. In meinem Buch „Institutio“ habe ich dazu einiges geschrieben. Aber das sind Gedanken und Sätze, die am Schreibtisch entstanden sind. Ich brauche Erfahrungen aus dem Leben der evangelischen Gemeinden“. „Und die kannst du in Basel nicht finden?“ fragt der Freund zurück. „Doch“, antwortet Johannes, „ aber ich brauche noch mehr Erfahrungen, auch aus anderen Städten. Und deshalb habe ich mich entschlossen, nach Straßburg zu gehen. Ich möchte vom dortigen Reformator Martin Bucer viel lernen. In Straßburg haben sie die längsten Erfahrungen mit der Reformation gemacht“. Der Freund nickt. „Das kann ich gut verstehen“, antwortet er. „Aber du weißt, dass du bei uns immer willkommen bist!“


Enttäuschungen in Genf

Zwei Jahre später schreibt Calvin aus Genf in einem Brief an seine Baseler Freunde. „Gott hat mich einen anderen Weg geführt, als ich gedacht hatte. Wegen eines Kriegs war mir der Weg nach Straßburg versperrt. Das zwang mich zu einem Umweg über Genf. Dort wollte ich nur eine Nacht bleiben und gleich weiterreisen. Aber die Freunde in Genf, vor allem der Reformator Farel, bedrängten mich heftig, hier zu bleiben. „Du bist genau der richtige Mann, den wir für die Einführung der Reformation hier brauchen“, sagten sie. „Gott hat dich zu uns geschickt! Was du geschrieben hast, ist genau das, was wir hier in der Freien Reichsstadt Genf brauchen. Wir ringen um eine gute reformatorische Ordnung für unsere Stadt. Wir suchen Verbündete in den evangelischen Städten der Schweizer Eidgenossen, vor allem in Bern, aber der Rat will den katholischen Herzog von Savoyen, unseren Nachbar, nicht zu sehr reizen, denn das könnte Krieg bedeuten. Wir brauchen für das Leben in der Stadt gute Regeln, welche Entscheidungen für die Gemeinden von den Pfarrern mitverantwortet werden sollen“. Das waren ja genau die Fragen, die mich schon in Basel beschäftigten, und so entschloss ich mich, in Genf zu bleiben und machte mich mit Feuereifer an die Arbeit. Ich konnte die bereits bestehende Fürsorge für die Bedürftigen in der Stadt besser regeln, indem die nach dem Muster der Bibel (in der Apostelgeschichte 6,1-6) die Helfer als ‚Diakone‘ in den Leitungsaufgaben der Gemeinde besonderes Gewicht bekamen. Ich wurde zum „Lehrer der Heiligen Schrift in Genf“ ernannt, verfasste einen Katechismus, also ein kurzes Lehrbuch für die Jugend. Es war mir eine große Freude, mit Farel zusammenzuarbeiten. Von ihm erfuhr ich auch immer wieder, was bisher in der Stadt geschehen war. Mit ihm fuhr ich zu einem Religionsgespräch nach Lausanne, bei dem ich mit meinen Kenntnissen der Kirchengeschichte erklären konnte, was uns mit dem Glauben unserer christlichen Vorfahren verbindet, und so viele Vorwürfe der Altgläubigen entkräften.

Allerdings habe ich in Genf kein Bürgerrecht. In keiner der Ratsversammlungen konnte ich mich zu Wort melden. Wir bangten bei der Neuwahl der Ratsmitglieder, ob die Mehrheit auch weiterhin auf unserer Seite war. Mutig arbeiteten wir weiter an einer Kirchenordnung und ließen uns dabei freilich auch zu einem Schritt verleiten, der uns dann zum Verhängnis wurde: Wir wollten alle Genfer Bürger verpflichten, ein Bekenntnis zur Reformation abzulegen. Da zeigte sich großer Widerstand. Die Mehrheit im Rat richtete sich gegen uns, wir wurden immer mehr in die Enge getrieben und müssen jetzt beide die Stadt verlassen. Das ist bitter für uns. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Ich habe nur einen Wunsch: diese ungute Vergangenheit hinter mir zu lassen und dorthin zurückzukehren, wo meine Reise begann, nämlich zu euch als meinen Freuden in Basel“.

Erschöpft legt Johannes die Schreibfeder zur Seite und verschließt den Brief. Dabei murmelt er vor sich hin: „Wenn ich nur wüsste, wie es mit mir weitergehen soll, was Gott noch mit mir vorhat!“ Lange noch hängt er seinen Gedanken nach. Es tut Johannes gut, in Basel mit den Freunden zu reden. Ab und zu wird er gefragt: „Was wird nun aus deinen Plänen, nach Straßburg zu gehen?“ Johann schüttelt dann den Kopf und antwortet: „Diese Pläne sind vorbei. Meine Träume sind ausgeträumt. Wer weiß, was kommen wird. Gott allein weiß es“.


Glückliche, erfolgreiche Jahre in Straßburg

Als ihn ein Brief aus Straßburg erreicht, wird auf einmal alles anders. Gespannt öffnet er ihn und liest mit höchster Aufmerksamkeit. Er merkt gar nicht, wie ein Besucher den Raum betritt und die Wortfetzen hört, die Johannes vor sich hin murmelt: „Martin Bucer braucht mich …. französische Flüchtlingsgemeinde, die sich über einen eigenen Pfarrer freuen würde …. der geeignete Mann bist du …. Begleitung bei Reisen zu Religionsgesprächen …. Lehrer an unserer neu gegründeten Hochschule“. Als er den Brief zur Seite legt, nimmt er erst wahr, dass der Freund ihm zugehört hat. Gemeinsam lesen die beiden nochmals Wort für Wort den Brief, reden darüber und kommen dann beide zum gleichen Ergebnis: „Das ist Gottes Ruf nach Straßburg“.

An einem Tag im August 1541 findet im Pfarrhaus der französischen Flüchtlingsgemeinde in Straßburg ein ganz besonderes Fest statt. Im Mittelpunkt stehen zwei Personen: Johannes Calvin und Idelette van Buren, die heute seine Ehefrau geworden ist. Die zahlreichen Festgäste gratulieren dem Brautpaar. Der Reformator Martin Bucer sagt in seiner Rede: „Lieber Johannes, in mehrfacher Weise bist du nun bei uns in Straßburg gut angekommen. Dir wurde vor wenigen Monaten das Bürgerrecht dieser Stadt verliehen; du wirst in deiner Bescheidenheit und Ernsthaftigkeit deines Glaubens geachtet und bist darin vielen zum Vorbild geworden; und zum Dritten und Schönsten: du hast hier mit Idelette deine Heimat gefunden“. Martin bedankt sich auch für seine Zusammenarbeit und Freundschaft mit Johannes, für die vielen guten Ideen bei den Religionsgesprächen in Worms und Regensburg und bei der Ausgestaltung der Lebensordnungen für die Gemeinden. Johannes seinerseits dankt für die guten Erfahrungen, die er hier machen konnte, auch für die Einblicke in das von Martin Luther geprägten Reformationsgeschehen im Deutschen Reich. Immer wieder wird ihm versichert: „Mit Idelette bist du bei uns nun wirklich angekommen. Wir freuen uns, dass du zu uns dazugehörst“.

Wenige Monate später kommt Besuch. Es sind alte Freunde aus Genf, die von Farel Grüße überbringen. Sie fragen, wie es Johannes in Straßburg geht, und der berichtet von seiner Heirat. „Ich bin jetzt 32 Jahre alt. Da war es schon an der Zeit zu heiraten – aber auch nicht leicht, eine Frau zu finden, die zu mir als ‚Bücherwurm‘ passt und auch gerne Pfarrfrau sein will. Aber ich habe meine Idelette gefunden. Ihr früherer Mann stammt aus Lüttich, hatte den Weg von einer Wiedertäufer-Gemeinde zu unserer französischen Gemeinde gefunden. Er starb im letzten Jahr an der Pest, hinterließ Idelette mit zwei Kindern. Die drei sind jetzt meine Familie, und ich bin glücklich mit ihnen“.

Im Beisein der Gäste wachen alte Genfer Erinnerungen auf, umso leuchtender sind dagegen die bisherigen Straßburger Jahre, von denen er weiter erzählt: von seiner Flüchtlingsgemeinde, auch von seiner Weiterarbeit an dem von Neuauflage zu Neuauflage umfangreicheren Buch „Institutio“, von den Schriften, die er nun nicht mehr im üblichen Latein, sondern in französischer Sprache verfasst und die auch in Frankreich verbreitet werden. Als einer der Straßburger Freunde vorbeischaut, wird der gleich in das Gespräch mit einbezogen, und er nimmt den Faden auf: „Johannes hat in den Verständigungsbemühungen zwischen den Lutheranern und Zwinglianern auf der einen Seite und mit den Katholiken auf der anderen unglaublich viel geleistet. Melanchthon und Luther sprechen in größter Hochachtung von ihm. Er hat Melanchthon dazu gebracht, das Augsburger Bekenntnis, dem wir ja hier in Straßburg verpflichtet sind, so zu überarbeiten, dass es auch für die Schweizer Glaubensfreunde zugänglicher wurde“.

„Ach“, seufzt Johannes, „warum nur lässt sich der mühsame Abendmahlsstreit zwischen den Lutheranern und den Zwinglianern so schwer überwinden? Wir brauchen doch den Zusammenhang aller reformatorisch Gesinnten. Hier das Festhalten an der leiblichen Gegenwart Jesu Christi im Mahl bei Luther, dort die symbolische bei Zwingli“ - er redet sich richtig in Fahrt – „Jesus Christus ist unser himmlischer Herr und in seinem Wort bei uns. Im Abendmahl ist er geistlich mitten unter uns, so sehr, dass wir es auch leibhaftig schmecken können. Wir brauchen klare Worte, die uns verbinden, statt uns zu trennen. Das gilt übrigens auch für die reformatorischen Gemeinden, die nach und nach in Frankreich entstehen, und die sich gegen die Übermacht der Altgläubigen behaupten müssen – die keinen Fürsten und König haben, der sie unterstützt“. Die Genfer Freunde haken hier nach: „Und das gilt genauso auch für uns in Genf“. Ob Johannes schon ahnt, welche Botschaft in diesen wenigen Worten steckt?

Nachdem die Besucher mit Johannes wieder allein sind, rücken sie endlich mit ihrem Anliegen heraus: „Johannes, lieber Johannes, komm bitte wieder zurück nach Genf. Wir brauchen dich dringend!“ Alles in ihm ist zuerst noch auf Ablehnung gestimmt, aber geduldig und auch ein bisschen neugierig hört er den Besuchern zu, was sie an Neuigkeiten aus der Freien Reichsstadt zu berichten haben. „Die Lage in der Stadt ist jetzt ganz anders, als vor fünf Jahren, als Farel und du die Stadt verlassen mussten. Die Mehrheit im Rat der Stadt ist jetzt verlässlich auf unserer Seite. Farel wurde gebeten, zurückzukehren, und diese eindringliche Bitte ergeht auch an dich. Jetzt kann in Ruhe mit Gottes Hilfe der Aufbau und die Entwicklung unserer Gemeinden im reformatorischen Geist in einer ebenso gesinnten Stadt vorangebracht werden. Mit deinen Schriften und Gesprächsbeiträgen bist du der dafür am besten geeignete Mensch. Ein Zweites kommt hinzu: Wir wollen auch in Genf eine Hochschule zur Ausbildung reformierter Pfarrer haben – und dich als Begründer und Leiter. Ist das nicht auch für dich verlockend? Du als echter Franzose kannst mit von dir ausgebildeten französischen Pfarrern weit ins Königreich Frankreich hinein wirken. Und schließlich ist uns auch wichtig, dass du mit Farel freundschaftlich verbunden bist“. Es wird ein langes Gespräch. Immer wieder fragt Johannes nach, um sich ein möglichst genaues Bild von den erwarteten Aufgaben zu machen. Immer mehr wird ihm deutlich, dass er sich wohl von Gott nach Genf zurückgerufen weiß. Er lässt sich Zeit mit der Entscheidung. Es geht ja auch im Idelette und die Kinder.


Wieder in Genf

Ein paar Monate vergehen, bis er – jetzt mit Familie – wieder Genfer Boden betritt und dort mit großem Jubel begrüßt wird. Was die Besucher in Straßburg berichtet hatten, findet er bestätigt. Der Weg ist frei für sein Wirken in der großen Freien Reichsstadt an der Grenze zu Frankreich. Mit großem Eifer geht er wieder ans Werk. In Idelette findet er eine Zuhörerin und Gesprächspartnerin, mit der er bereden kann, was ihn beschäftigt und bewegt.

Schon nach kurzer Zeit ist noch im selben Jahr 1541 die Kirchenordnung fertiggestellt. Johannes erklärt seiner Frau: „Ein Christ zu sein und Jesus Christus nachzufolgen, das muss sich im täglichen Leben erweisen. Es gilt Gott die Ehre zu geben, auf seine Gebote zu hören und aufrichtig danach zu leben“. „Das gilt ja wohl für alle in der Stadt, alle müssen sich an die Gesetze und Verordnungen des Rats halten“, ergänzt Idelette. „Aber“, fährt Johannes fort, „rechtschaffen zu leben hat eine geistliche und eine weltliche Seite“. Auf Idelettes fragendes Gesicht hin erklärt er weiter: „Die geistliche Seite ist die Ehre Gottes und das Hören auf sein Wort – damit sind auch unsere Gottesdienste gemeint. Darüber zu wachen ist Aufgabe des neu geschaffenen Konsistoriums, das aus zwölf gewählten Ältesten aus den Gemeinden und den Pfarrern besteht“. „Ist das dann so etwas wie eine Kirchenpolizei, welche die Frömmigkeit der Bürger überprüft?“ fragt Idelette nach. „So würde ich es nicht nennen“, antwortet Johannes, „aber es geht in die Richtung. Wir leben als reformatorische Gemeinden in schwierigen Zeiten. Wir können uns nur gegen unsere Gegner behaupten, wenn wir zeigen, wie der Glaube unserem Leben die Richtung weist. Das hat damit auch viel mit der Nächstenliebe zu tun“. Idelette nickt. „Und ihr seid überzeugt, dass die Genfer Bürger dem gerne zustimmen?“ fragt sie weiter. „Denk daran, wie euer Zwang zum reformatorischen Bekenntnis zu eurer Vertreibung aus Genf geführt hat“. Eindringlich fügt sie an: „ Johannes! Nicht alle Menschen sind so tief im Glauben verwurzelt wie ihr, sind nicht so bescheiden und genügsam wie du!“ Johannes wiegt nachdenklich den Kopf.

Ein anderes Mal kommt er ziemlich aufgebracht nach Hause: „Der Rat der Stadt versucht immer wieder, sich in unsere kirchlichen Angelegenheiten einzumischen! Wenn wir jemand wegen ungebührlichen Verhaltens eine Zeit lang vom Abendmahl ausschließen, stellen sie unser Urteil in Frage. Sie behaupten, dass die Rechte, die früher der Bischof hatte, auf sie übergegangen seien. Aber das ist doch jetzt unsere eigene Sache!“ „Du hast selbst gesagt“, wendet Idelette ein, „dass die Ehre Gottes und das Achten der Regeln für das Miteinander zusammengehören. Da wird es wohl immer wieder Streit geben, wer das Recht hat, die Entscheidungen zu treffen“. „Damit müssen wir wohl rechnen“ räumt Johannes müde ein.

Natürlich ist es für Johannes angenehmer, wenn er Freude mit seiner Frau teilen kann. So legt er ihr eines Abends noch im selben Jahr zufrieden die französische Ausgabe seines Hauptwerks, die „Institutio“ auf den Tisch. Sie blättern beide behutsam in dem Buch und Idelette sagt dazu: „Ich bin überzeugt, dass dir da etwas Großartiges gelungen ist. Du hast dieses Buch schon immer als eine Hilfe zum Verstehen der Bibel verstanden, aber in der lateinischen Sprache war das ja nur etwas für euch Gelehrten. Jetzt ist es ein Buch für alle Franzosen. Jetzt kann auch ich darin lesen!“

So ist das Leben in Genf für Johannes und auch Idelette ein Auf und Ab von Erfolgserlebnissen und Enttäuschungen. „Wäre es nicht besser gewesen, in Straßburg zu bleiben“, fragt er seine Frau manchmal. Die tröstet ihn dann und sagt: „Denk bitte daran, dass es in deiner Arbeit nicht nur um Genf geht. Diese Stadt ist das Tor der Reformation nach Frankreich hinein. Denk an die Flüchtlinge, die aus Frankreich vertrieben wurden und berichten, wie deine Schriften, vor allem dein Katechismus für die Jugend, die Gemeindemitglieder in ihrem Glauben stärken. Das ist wahrscheinlich auf die Dauer viel wichtiger als das, was hier in Genf geschieht. Denk an die jungen Franzosen, die gekommen sind, um von dir unterwiesen zu werden und mit diesem Wissensschatz zu ihren Gemeinden zurückkehren – in ihre Heimat, in der sie ihren Glauben vor der Polizei des Königs und der Bischöfe verstecken müssen. Du hast mir doch so viel von der frühen Christenheit erzählt, die sich in Verfolgungen bewähren musste. Vielleicht ist es in Frankreich jetzt so ähnlich. Du kannst ihnen dabei helfen, durchzuhalten. Außerdem werden Flüchtlinge die reformatorische Botschaft auch in andere Länder tragen, sie auch dort verbreiten“. Solche Worte tun Johannes Calvin gut und machen ihm Mut in seinem oft so mühsamen Alltagsgeschäft als Reformator in Genf.

Es ist die Stadt, in der er nie wirklich seine Heimat gefunden, in der er dennoch insgesamt über die Hälfte seines Lebens verbracht hat und von der seither stets die Rede ist, wenn es um Calvins Wirken als Reformator geht.

 

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